Das Imperium

Mich hat immer schon fasziniert, dass es eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem amerikanischen Staat und dem untergegangenen Staatswesen des römischen Reiches gibt. An und für sich hab ich nie ernsthaft darüber nachgedacht, diesem Gedanken nachzugehen. Aber im Laufe der Zeit hat sich das Bild fast von selber verdichtet und ist immer konkreter geworden. Und wenn man es genauer betrachtet, dann entdeckt man dermaßen viele Analogien, dass man sie gar nicht übersehen kann. Ich möchte den geneigten Leser also zu einem kleinen Ausflug in die Geschichte einladen.
Ähnlich wie die römische Sprache und römische Lebensart kulturprägend für die Antike in einem Maße war, dass wir heute noch in vielen Bereichen davon beeinflusst sind, ist die englische Sprache und die amerikanische Lebensart von einer Strahlkraft und Durchsetzungskraft weltweit, dass es einen immer wieder in Erstaunen versetzt.
Das Gebäude in Washington, in dem der amerikanische Senat tagt, wurde nach dem wichtigsten der römische Hügel, dem capitolinischen, benannt. Genau wie in Rom gibt es in diesem Kapitol auch ein Zweiparteiensystem, zumindest de facto. Was in Rom die Lager der Plebejer und der Patrizier waren, sind in Amerika die Partei der Republikaner und der Demokraten. Nicht ganz zu vergleichen – aus heutiger Sicht würden wir die Plebejer aber wohl eher als links, die Patrizier als politisch rechts stehend einstufen. Die republikanische Partei wurde 1854 gegründet, um die Sklaverei abzuschaffen, während damals die Demokraten an der Sklaverei festhalten wollten. Heute hat sich das Spektrum gewandelt und unter Obama hat die demokratische Partei zumindest einen linken Touch.

Auf dem römischen Capitol befand sich ein Tempel, der den Staatsgöttern geweiht war, der kapitolinischen Trias: Jupiter, Juno und Minerva.
Das amerikanische Capitol hingegen ist die Weihestätte der kapitalistischen Trias, auf die die ganze kapitalistische Welt voll Ehrfurcht blickt:  Geld,   Besitz   und    Macht.     (Ich weiß, das ist ein schlechter Kalauer)

Die Aquilae – die Adler, der Stolz einer jeden Legion, finden ihre Entsprechung im amerikanischen Wappentier, dem Seeadler, der nicht nur auf der Seite der Präsidentenmaschine, der Airforce one prangt.
Per definitionem ist der amerikanische Präsident der mächtigste Mann der Welt. Er kann über die am besten gerüstete und teuerste Armee der Welt verfügen. Unsichtbare Flugzeuge, Laserstrahlen, Raketen, unbemannte Drohnen die an jedem Punkt der Welt für Tod und Vernichtung sorgen können gehören zu diesem Arsenal. An automatischen Tötungssystemen, die von Algorithmen gesteuert selbständig entscheiden können, welche Menschen getötet werden müssen, wird derzeit gearbeitet. Die Fähigkeit, zumindest zwei große und einen kleineren Krieg gleichzeitig zu führen ist amerikanische Militärdoktrin.
Bei den römischen Kaisern hieß diese Amts- bzw. Verfügungsgewalt über die Streitkräfte: Imperium. Der Inhaber des Imperiums war der Imperator. Die römischen Kaiser – beginnend mit Augustus – sahen sich ebenfalls als die Herrscher der Welt und in der damaligen Welt waren sie es auch.
Die einzigartige Organisation, Kampfkraft und Waffentechnik der römischen Legionen war jahrhundertelang die Latte, an der sich alle messen mussten. Weder Mithridates  VI. aus Pontos, noch den Partherkönigen, weder den Germanen noch den Armeniern und den Juden noch den Ägyptern gelang es, sich der Allmacht der Römer zu entziehen. Sie alle zahlten ihre Steuern nach Rom und mussten bei Bedarf Truppen stellen. Die Juden, wegen ihrer permanenten Insubordination, mussten sogar eine Sondersteuer entrichten, den fiscus judaicus. Wer unliebsam war, wurde abserviert, umgebracht, vertrieben und an seiner Stelle ein Klientelkönig, der Rom verpflichtet war  eingesetzt. Herodes war so einer. Für die Amerikaner hat Pinochet diese Rolle in Chile gespielt oder Hamid Karzei in Afghanistan. Die japanische Regierungungspartei ab dem zweiten Weltkrieg hat jahrzehntelang von Amerikas Gnaden existierte und in vielen Bereichen amerikanische Interessen durchgesetzt.
In den Irakkrieg zog die Koalition der Willigen. Als Koalition der Willigen bezeichneten die Amerikaner eine Allianz von Staaten, die den Angriff der USA auf den Irak im dritten Golfkrieg politisch und militärisch unterstützten. Ein Angriff, der wie wir heute wissen, und wie wir uns damals hätten denken können, auf einem Lügengebäude aufgebaut war, um die irakischen Ölfelder zu okkupieren. Die genaue Anzahl der Mitgliedsstaaten dieser Allianz ist unklar, da einige der Teilnehmer nicht genannt werden wollten. Gemeinsam war ihnen allen, dass sie in irgendeiner Form von den Amerikanern abhängig bzw. ihnen verpflichtet waren.
An den Deutschen, unter Schröder, ist dieser Kelch des Irakkrieges noch vorbeigegangen. Dafür mussten sie in Afghanistan für die Amerikaner in den Krieg ziehen und Truppen stellen, genau wie die Belgier und Engländer. Insgesamt sind mehr als 3000 westliche Soldaten in diesem Krieg gefallen, für den in Deutschland verschämt die Bezeichnung „Operation Enduring Freedom“ gewählt wurde.
Die Feldzüge, die die Römer im Laufe ihrer Geschichte führten sind sonder Zahl, aber die Amerikaner könnten sie wohl noch überholen. Allein seit dem zweiten Weltkrieg waren sie in 46 militärische Konflikte verwickelt. *
Der amerikanische Senat ist demokratisch gewählt, der römische Senat bestand aus den Vertretern der Patrizierfamilien – alteingesessene Geschlechter, die seit jeher ihren Reichtum und ihre Vorrechte nutzten, um die Plebejer – das Volk – von der Macht fern zu halten.
Natürlich gab es auch Wahlen in Rom, aber eben nur unter den Adeligen. Bis auf eine Ausnahme – den Volkstribun, der von den Plebejern gewählt wurde. Der Volkstribun war sakrosankt, durfte also unter keinen Umständen tätlich angegriffen werden, das galt als todeswürdiges Verbrechen bzw. als Hochverrat. Er hatte ein Vetorecht und konnte den Senat blockieren, zumindest zu Zeiten der römischen Republik. Diese Sakrosanktität, die Tribunicia potestas, wurde von Augustus zu einem Teil der Rechte des Kaisers gemacht und damit war die Teilnahme an der Macht für die Plebejer dann für alle Zeiten erledigt.
Die Kandidatur für ein Amt in Rom ist genauso kostspielig gewesen wie heute in Amerika. Und genau wie damals, kommen heute im wesentlichen Kandidaten (vom römischen candidatus) in den Senat, die selber über genügend Vermögen verfügen oder die von den Reichen des Landes unterstützt werden. Auch in Amerika gibt es Patriziergeschlechter, die ihren Status aber nicht ihrer Herkunft, sondern ihrem Vermögen verdanken. In Rom hatten die Julier, die Calpurnier oder die Hortensier das Heft in der Hand. In Amerika sind das die Rockefellers, die Vanderbilts, die Fords, die Buschs oder die Kennedys usw. Genau wie in Rom bestimmen an die 500 superreiche Familien letztlich was im Staat geschieht und sie bestimmen mit ihrem Geld zu einem Gutteil wer die Tribunicia potestas oder eine andere Amtsvollmacht erhält. Auch in Rom gab es den Aufsteiger aus den Reihen der Plebejer, den homo novus, der ein politisches Amt errang, der zu Reichtum und Ansehen gelangte. Gerade darauf sind die Amerikaner ja auch so stolz, auf diese Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär. Diese Verheißung des Aufstieges als Freigelassener, ließ in Rom sogar Sklaven willig ihre Arbeit tun und diese Verheißung ist nichts anderes als der „amerikanische Traum“.
Tatsächlich ist Amerika nur zum Schein eine Demokratie. In Wahrheit nennt man diese Regierungsform Oligokratie. Damit steht das Land auf derselben Stufe wie Russland oder Kasachstan oder eben das frühe Rom, vor der Kaiserzeit.
Genau wie die Römer sind die Amerikaner ein Volk das in einem gewissen Sinne räuberisch existiert. Bei den Römern war es das geraubte Gold der Parther oder das Getreide aus Ägypten das den Wohlstand sicherte und das für Brot und Spiele sorgte, um die Plebejer ruhig zu stellen. (Apropos, Brot und Spiele – Hollywood fällt mir ein – blutiger kann Kino nicht sein wie amerikanisches Kino. Dagegen waren die Gladiatorenkämpfe in römischen Arenen eher eine Kindervorstellung. Wenn Rambo oder Top Gun ihre Blutspur durch die Reihen der meist politisch linksgerichteten Misanthropen ziehen, bleibt nichts ausgespart. Da hätten sich die abgebrühten römischen Gladiatoren wahrscheinlich vor Schreck im Keller der Arena verkrochen.)
Heute geht es um Öl aus dem Irak, um billige Arbeitskräfte in Lateinamerika, die für United Fruit als Sklaven arbeiten und um Bodenschätze aus Afrika. Widerstand wird mit brutaler Gewalt gebrochen. Ob es Salvador Allende oder Patrice Lumumba war, ihnen erging es wie Saddam Hussein und vielen anderen, die sich den amerikanischen Wirtschaftsinteressen widersetzten. Sie wurden ganz einfach von amerikanischen Geheimdiensten umgebracht und niemand auf der ganzen Welt wagte es, auch nur ein Wort des Einspruchs dagegen zu erheben. Die Amerikaner sind unsere Freunde.
Die Hegemonialmacht Amerika ist mit hunderten Militärbasen in vielen Ländern der Welt präsent. Die ehemaligen Gegner, Deutschland und Japan, haben der amerikanischen Politik Folge zu leisten und sind von großen amerikanischen Militärverbänden besetzt.
Die Römer machten aus jedem eroberten Land eine Provinz mit strategisch gut postierten Legionen. Für jeden der die Ämterlaufbahn von der Quästur bis zum Konsulat absolviert hatte, stand dann das Promagistrat als Verwalter einer Provinz am Ende der Laufbahn. Da ging es dann noch einmal richtig zur Sache, die Provinzen wurde oft regelrecht geplündert. Heute macht man diese Provinzen durch Verträge gefügig die dann TIPP, TiSA oder CETA oder so ähnlich heißen. Auch Kredite der Weltbank, die von den Amerikanern dominiert wird, sind ein geeignetes Mittel um Abhängigkeit zu schaffen und den amerikanischen Einfluss zu zementieren.
Die gefährlichen Gegner, die den Römern beim Plündern in die Quere kommen konnten, wie Mithritates VI. oder die Punier, wurden solange provoziert oder mit Krieg überzogen bis sie letztendlich vernichtet waren. Ceterum censeo Carthaginem esse delendam, sage Cato bei jeder Rede im Senat. Ronald Reagan sprach vom Reich des Bösen und George W. Busch von der Achse des Bösen und wir wissen, dass die Russen gerade wieder im Brennpunkt amerikanische Militärpolitik stehen. Statt Frieden zu schließen rückt die Nato Russlands Grenzen näher und näher. Ein Krieg in der Ukraine, amerikanische Militärbasen in fast allen ehemaligen russischen Teilrepubliken, Raketen in Polen – wenn ich Russe wäre, ich würde an Carthago denken und daran, dass die Römer den Boden der zerstörten Stadt mit Salz bestreuten, damit dort nie wieder etwas wachsen sollte.
Wird das immer so bleiben? Was lehrt die römische Geschichte?
Das Römische Reich ist an einer Art Überdehnung zu Grunde gegangen. Irgendwann war es nicht mehr möglich, die finanziellen Mittel aufzubringen, um die unendlich langen Reichsgrenzen zu verteidigen. Dazu kam, dass die unterworfenen Völker an römische Waffen kamen, römische Ausbildung, Taktik und Strategie übernahmen. Ständige Einbrüche, von vertriebenen Völkern, die vor den Hunnen, den Awaren und sonstiger, beutegieriger Horden ins Reich fluteten, und Angriffe der Germanen und Perser taten ein Übriges. Dazu kam, dass die letzten Jahrzehnte des Römerreiches durch innere Konflikte, Bürgerkriege und Kämpfe um die Macht dominiert waren. All das hat nach mehr als tausendjähriger Geschichte das Ende herbeigeführt.
Wird Amerika ein ähnliches Schicksal erleiden? Man kann es sich schwer vorstellen. Genau wie es noch in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts unvorstellbar erschien, dass die UDSSR innerhalb kürzester Zeit zusammenbrechen würde.
Der französische Historiker und Anthropologe Emmanuel Todd, der bereits 1976 den Untergang der Sowjetunion auf Grund soziologischer und wirtschaftlicher Daten vorhergesagt hat, hat sich in seinem Buch „Weltmacht USA, ein Nachruf“ mit diesem Thema beschäftigt. Er kommt auf Grund der selben demographischen und wirtschaftlichen Daten zum Schluss, dass Amerika zumindest seinen Höhepunkt bereits überschritten hat.
*Siehe dazu http://www.friwe.at/guernica/USKriegspolitik.htm
https://de.wikipedia.org/wiki/Weltmacht_USA:_Ein_Nachruf

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