Was Menschen gut können

Man muss sich zuallererst den Sachverhalt bewusst machen, dass unser Gehirn in einer festen knöchernen Kapsel eingeschlossen ist. In unserem Schädel ist es immer finster und still. Das Gehirn kann kein Licht wahrnehmen und keine Töne, keine rauhe Oberfläche und auch nicht das Fell einer Katze oder die Haut eines Babys. Alle Informationen die es bekommt, sind elektrische Impulse über die beiden Sehnerven, die Nerven aus dem Innenohr, den Bahnen des Rückenmarks und den Hirnnerven. Und alle diese Impulse sind ihrem Wesen nach gleich, ein Fluss von Elektronen, eine elektrische Depolarisation von Nervenzellwänden. Und aus diesen Phänomenen entsteht in unserem Kopf die Welt. Wir nennen es sehen, hören, fühlen, denken. Tatsächlich ist es eine Art binäre Verrechnung immer gleicher, elektrischer Impulse an biologischen Strukturen und aus diesen Daten entsteht dann ein blauer Himmel. Der ist aber trotzdem schön, oder?
Oder Musik, gerade eben, beim Hören von Mikis Theodorakis Musik – dieser wunderbare Mensch, er ist gerade 90 Jahre alt geworden – ist mir ein Schauer über den Rücken gelaufen. Menschen können wirklich gut Musik machen. Auch Vögel musizieren, und Mäuseriche singen wenn sie auf Brautschau sind. Aber Menschen machen unerhört komplexe Musik ganz bewusst, weil es schön ist. Wir haben sogar eine Wissenschaft daraus gemacht und die physikalischen Grundlagen von Musik erkannt, obwohl wir nicht wissen warum Musik schön ist.
Wir haben es auch zu einer Meisterschaft im Umgang mit Materie gebracht. Wir kennen alle Elemente, ja wir können sogar neue Elemente erzeugen, indem wir Protonen und Neutronen in einen Atomkern schießen. Wir können Atome auch spalten und Energie damit erzeugen, oder was ziemlich dumm ist, Bomben daraus machen.
Wir können unterschiedliche Elemente in bestimmten Mengenverhältnissen zusammenfügen und ihnen eine bestimmte Gestalt geben. Zum Beispiel eine Mischung aus Kalium, Aluminium, Silizium, Eisen, Kupfer, Zink, Kohlenstoff, Silber, Cobalt, Brom, Cadmium, Blei, Mangan, Tantal, Wolfram, Arsen, Barium, Berylium, Calcium, Gallium, Gold, Magnesium, eine Prise Strontium, Schwefel, Yterium und Zirkonium dazu und können diese Mischung dann an unser Ohr halten und über viele tausend Kilometer hinweg direkt mit unserer Freundin in Brasilien sprechen. Vor 200 Jahren hätte man das für ein Wunder gehalten oder Zauberei. Heute ist es selbstverständlich.
Wir können so vieles, wir sind so wunderbar, nur eines haben wir in den letzten Jahrhunderten verabsäumt: nämlich nicht nur die Materie, sondern auch unseren Geist zu formen. Wir sind dieselben dummen, rachsüchtigen, egoistischen und skrupellosen Menschen geblieben die wir immer schon waren. Wir haben viele Krankheiten besiegt, aber bei den wichtigsten Pathologien des Geistes bei Gier, Neid und Missgunst haben wir kläglich versagt.
Statt diese wunderbare Welt zu teilen und uns gemeinsam an unseren Erkenntnissen, an unserem Wissen, an unserer Neugierde, unserer Musik und unserer Liebe und an den unterschiedlichen Kulturen zu erfreuen, säen wir Hass und Zwietracht.
Wenn es keine Musiker gäbe und keine Kinder, die hoffen lassen, wäre es zum Verzweifeln.

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