Familiäre Prägung

Ich stamme aus einer Familie linker Sozialutopisten. Alle waren irgendwie im Sozialbereich tätig, als Sozialarbeiter, in Krankenhäusern, oder zumindest bei einer Sozialversicherung tätig. Das heißt – nach herrschender Meinung – keiner hatte eine anständige Arbeit. Angefangen hat dieser Nonkonformismus in gewisser Weise mit meinen Großvätern. Der eine konnte sich, bevor er als Bauer sesshaft wurde, lange nicht zu einem soliden Lebenswandel durchringen, sondern fuhr als Stewart auf den Schiffen der Hamburg – Amerika Linie. Das war damals, vor dem ersten Weltkrieg, ziemlich mutig und ziemlich ungewöhnlich für einen Bauernbuben aus einem oberösterreichischen Dorf. Der andere Großvater war subversiv zu einer Zeit als Subversivität das Leben kosten konnte. Und er kam oft in gewaltige Schwierigkeiten. Er war Schmiedemeister und wurde wegen seiner offensichtliche Ablehnung der NSDAP immer wieder von den braunen Ortsbonzen und der SA besucht. Anlässlich eines solchen Besuches wurde er gefragt, ob er den Stürmer abonniert habe. Was er freudig bejahte, denn, so fügte er hinzu, der brenne so gut, den brauche er zum Anzünden der Esse in seiner Schmiede. Sie haben ihn ziemlich verdroschen.
Mein Vater war dann der erste rote Gemeinderat im Dorf. Ein Sozialist in einem Bauerndorf, das nach Austrofaschismus und Hitlerfaschismus von der ÖVP okkupiert war. Das ging auch an uns Kindern nicht spurlos vorüber. Als rote Kröte wurde ich von ein paar Kindern in der Schule beschimpft und angespuckt. Da ich aber ziemlich wehrhaft war und vor allem unglaublich jähzornig, habe ich einem der Oberstänkerer eine Tracht Prügel verabreicht, an die er sich heute noch erinnert und ihn anschließen noch im Dorfbach gewässert. Damit war die Debatte vorerst beendet und die Sozialdemokratie auf den Weg zur Akzeptanz gebracht.
Wenn man so aufgewachsen ist, mit diesem ganz bestimmten Blick auf die Dinge der Welt und darin auch noch ständig von den Nahestehenden bestärkt wird, dann darf es nicht wundern, dass man in der Asyldebatte einen anderen Standpunkt bezieht wie die FPÖ und deren Publikum. Dann sieht man all die Lügen und Ausreden und Schuldzuweisungen, all das, was gerade jetzt in Traiskirchen den Menschen, die sich vor Mord und Totschlag in Sicherheit gebracht haben zugemutet wird, wie durch ein Vergrößerungsglas.
Andererseits gibt es in Österreich Menschen, denen es auch nicht gut geht, aus welchem Grund auch immer. Solche die das Gefühl haben, irgendwo und irgendwie zu kurz gekommen zu sein. Kurz, Menschen, denen das Leben übel mitgespielt hat. Eigentlich müssten diese am meisten Mitgefühl für Flüchtlingen aufbringen. Sonderbarerweise ist beim Großteil dieser Bevölkerungsgruppe genau das Gegenteil der Fall. Der Grund dafür ist, dass politische Gruppen nicht davor zurückschrecken, das Elend der einen gegen die Not der anderen auszuspielen, um damit ihre eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen. In Wahrheit sind die Kosten, die Österreich für die Flüchtlinge aufbringt im Vergleich zu den Kosten, die die FPÖ Landesregierung mit der Hypo in Kärnten verursacht hat, ein Pappenstiel, damit hätte man 1 Million Flüchtlinge wahrscheinlich zweihundert Jahre lang durchfüttern können. Von einer ungeheuren Chuzpe zeugt es, dass gerade diejenigen, die in direkter Linie von dieser Baggage abstammen, jetzt die allerschlimmsten Hetzer sind. Aber für die meisten Österreicher ist klar, dass diese Gruppe nichts anderes tut, als aus einem Klassenkampf einen Kulturkampf zu machen und die Stimmen derer, die sich von ihrem Geschrei Angst machen lassen, als bequemes Vehikel zu Geld, Macht, Einfluss und einer Staatspension verwenden wollen. Sorgen mache ich mir allerdings um die, denen das nicht klar ist. Das wird ein schlimmes Erwachen, wenn sie einmal sehen, dass sie denjenigen, die sie mit ihrer Stimme an die Macht bringen, in Wirklichkeit genau so gleichgültig sind, wie die Flüchtlinge in Traiskirchen

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