Revierverhalten.

Preisfrage: Wie weit dehnt sich das von uns wahrgenommene und beanspruchte Territorium aus? Was betrachten wir als unser Revier und was sind wir bereit dafür zu tun?

Wenn wir im Auto sitzen, ist alles außerhalb des Autos und alles was unserem Bewegungsdrang entgegensteht – jeder vor uns, hinter uns oder seitlich von uns ein potentieller Konkurrent oft sogar Feind. Die Schimpfwörter, die Autofahrer sich im Stillen für die anderen Verkehrsteilnehmer ausdenken, sind Legion. Das eigene Haus würden manche mit der Schusswaffe in der Hand verteidigen. Geh ja nicht über meinen Rasen, greif meine Rosen nicht an – da bin ich pingelig. Der Gehsteig vor dem Haus? Schon ein Grenzfall, eher lästig im Winter, weil man verpflichtet ist ihn Schnee- und Eisfrei zu halten. Der so genannte öffentliche Raum? Eigentlich unser Eigentum. Wir Staatsbürger sind Mitbesitzer, Teilhaber am öffentlichen Raum. Wir haben einen Anspruch darauf. Nicht nur auf den Park in der Stadt, nicht nur auf den Grünstreifen neben der Donau, die Fahrradwege, das Landschaftsbild , die Luft, das Wasser. Es gehört uns. Wir zahlen dafür, all das gehört uns. Wir lassen das öffentliche Gut verwalten, von Leuten die wir aus unserer Mitte wählen. Wir lassen es pflegen und instand halten von Angestellten die wir dafür zahlen.
Wie ist es aber mit den ideellen Werten: Der schönen Aussicht, der Ruhe, der frischen Luft, dem Erscheinungsbild einer Stadt? Da fühlen sich die meisten schon nicht mehr zuständig, das geht über ihren Horizont oder über ihr Verantwortungsbewusstsein hinaus. Das ist nicht mein Revier. Da haben sie ihr Mandat abgegeben. An wen eigentlich ???
Die Leute würden schimpfen, wenn der Park voller Dreck wäre, wenn die Donaupromenade zugemüllt und die Radwege voller Schlaglöcher wären. Behinderungen auf der Straße gelten als persönlicher Affront. Ein kindliches Graffiti an einer Hauswand ist ein Klagsgrund. Aber wenn ein Großkonzern einen ganzen denkmalgeschützten Ort in den Schatten einer Batterie von mehr als 30 Meter hohen Silos stellt, geht das erstaunlicherweise niemandem wirklich nahe. Gerade mal die direkten Anwohner, die in Zukunft im nachmittäglichen Schatten der Kolosse leben werden, regen sich auf. Unterstützung kriegen sie keine. Der Bürgermeister verschanzt sich hinter der Gesetzeslage, ein Teil der Gemeinderäte hinter dem Arbeitsplatzargument, dass schon lange nicht mehr stimmt und die Architekten vom Ortsbildbeirat finden es zwar schlimm, schreiben aber trotzdem ein positives Gutachten. „Und um das Schlimmste zu verhindern,“ so schreiben sie wörtlich, soll der ganze Moloch mit nach oben heller werdenden Quadraten bemalt werden. Wahrscheinlich weil das gut zum Ortsbild aus dem 16 Jahrhundert passt. Oder wie soll man das verstehen? Und die Bürger? Sie maulen, aber tun nichts. Sie betrachten es nicht als ihre Aufgabe ihrem Heimatort ein einigermaßen gefälliges und lebenswertes Ansehen zu erhalten. Das ist nicht mein Revier, scheinen alle zu denken. Es ist mehr als ein Jahrhundertereignis, wenn man eine 1500 Jahre alte Siedlung, einen der schönsten Orte an der Donau, dem Profitstreben eines Konzernes opfert und ihn in den Schatten von 29 riesigen Silotürmen stellt. Es ist vor allem nicht mehr rückgängig zu machen.

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