Kindergrippe

Eine parlamentarische Anfrage, die vor Rechtschreibfehlern strotzt und somit beweist, dass der Verfasser der deutschen Sprache – zumindest soweit es die Schrift betrifft – nicht mächtig ist, ist nicht unbedingt ein Renommee. Vor allem für eine politische Partei, die sich einer chauvinistischen Deutschtümelei verschrieben hat. Wenn aus Kinderkrippe eine Kindergrippe wird, darf man sich nicht wundern, dass manch einer verschnupft darauf reagiert.
Wie man es dreht und wendet, die FPÖ erinnert mit der Wertekonstellation, für die sich ihre Mitglieder ereifern, an eine stehen gebliebene Uhr. Die hat auch zweimal am Tag recht. Bei der momentanen Flüchtlingsdiskussion und auch bei der Diskussion um die islamischen Kindergärten geht es sicher nicht darum, dass der Islam das Christentum verdrängt und massenhaft Dschihadisten in Österreich ein – und ausreisen, wie es ihnen beliebt. Es geht darum, dass wir als österreichischer Staat dafür sorgen, dass alle dieselben Rechte,  Ansprüche und Möglichkeiten auf Teilnahme an diesem Staat haben. Das gelingt sicher nicht, wenn man von Kindesbeinen an dazu erzogen wird, diesen Staat als Gegenwelt zur eigenen Weltsicht zu erleben. Aber der Spruch „Abendland in Christenhand“ ist in seiner radikalen Rückständigkeit nur zu begreifen, wenn man voraussetzt, dass es einen Konflikt zwischen Religionen gibt. Den gibt es aber nicht. Es gibt einen Konflikt zwischen politischen Systemen. Auf der einen Seite, die aufgeschlossene, egalitäre westliche Kultur mit all den bürgerlichen Freiheiten, die sie in Jahrhunderten einer absolut intoleranten, gewalttätigen christlichen Religion abgetrotzt hat, die gewillt war, alle Gegner physisch zu vernichten. (Und es besteht nicht viel Unterschied, ob ich auf einem Scheiterhaufen verbrannt oder mit dem Jagdmesser geköpft werde – beides macht tot). Auf der anderen Seite finden sich totalitäre Herrschaftssysteme, die sich die fundamentalistische Auslegung einer Buchreligion zu Nutze machen, um ihrer Willkürherrschaft in den Köpfen ihres Staatsvolkes Legitimität zu verleihen. Religion ist Opium für das Volk – laut Karl Marx. Daran hat sich nichts geändert. Jetzt mag und darf jeder an das glauben, wonach ihn verlangt, aber Religion hat in der Politik nichts verloren.  Das ist der springende Punkt.   Weder von der einen Seite noch von der anderen. Und genau da ist die Uhr der FPÖ stehen geblieben. Statt dafür zu sorgen, dass Glaubensbekenntnisse in der Politik nicht mehr zu Entscheidungen beitragen, werden genau die gleichen Ressentiments geschürt, deren sich auch die religiösen Fundamentalisten bedienen. Und da fragt man sich manchmal, ob ein paar von den Parlamentariern der FPÖ nicht wirklich die Grippe haben und im Fieberdelirium irre reden.

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