Wording

Wenn Wirtschaftsminister Mitterlehner von einer kapazitätsorientierten Obergrenze für Flüchtlinge spricht, oder wenn berichtet wird, dass der amerikanische Präsident besorgt ist über die Entwicklung oder die deutsche Kanzlerin vor einer weiteren Eskalation warnt, dann sollten wir alle sehr sehr vorsichtig sein. Genau so vorsichtig, wie wenn die Medien berichten, dass vorwiegend Frauen und Kinder betroffen sind oder Putin neuerlich droht. Auch wenn von Terrorbekämpfung die Rede ist oder von feindlicher Propaganda sollte man sich zum Gehörten oder Gesehenen eine alternative Quelle suchen. Was allen diesen sprachlichen Wendungen oder Begriffen gemeinsam ist – es handelt sich um euphemistische Darstellungen oder um etwas, das man heute „wording“ nennt. Ein Euphemismus ist ein Wort von guter Vorbedeutung, auch Verbrämung oder Beschönigung genannt. Also ein sprachliches Mittel, um eine Person, eine Personengruppe oder einen Sachverhalt beschönigend oder in verschleiernder Absicht darzustellen. „Wording“ ist ein Begriff aus der Reklamebranche, der das Schaffen von nichtssagendem oder manipulierendem Text zu diversen Themen bedeutet, beziehungsweise die Aneignung und Umdeutung von Begriffen, um damit ein Bild oder eine Bedeutung in der Öffentlichkeit zu manipulieren. Bezweckt wird damit immer, die Denkrichtung des Empfängers der Botschaft zu beeinflussen. Kapazitätsorientierte Obergrenze heißt in aller Brutalität, dass man Flüchtlinge hereinlässt solange eine kritische Bürgerschaft aufpasst, was da an den Grenzen geschieht. Wenn das nicht mehr der Fall ist, wird man dafür sorgen, dass die Flüchtlinge anderswo bleiben, was auch die Möglichkeit beinhaltet, das sie weiter ertrinken oder erfrieren. Dabei ist natürlich auch die Gegenseite nicht vollkommen unbedarft und berichtet eher von Frauen und unbegleiteten Kindern und nicht mehr von kräftigen jungen Männern. Warnende Worte, das wissen wir, sind freundlich. Drohen hingegen ist ein feindliches Verhalten. Darum werden wir kaum einmal im Westen hören dass Putin warnt und Obama droht. Es ist immer Putin der droht und Obama der warnt. Genau umgekehrt wird es in Russland sein. So verhält es sich auch mit dem strapazierten Begriff des Terroristen. Jeder, der dem Westen nicht passt ist ein Terrorist. Alle anderen sind Freiheitskämpfer. Und Terrorbekämpfung kann sich uneingeschränkt der Folter bedienen und trotzdem ist sie gut. Wir müssen dabei auch aufpassen, dass wir nicht der Propaganda der anderen auf den Leim gehen, denn die ist sicher manipulativ im Gegensatz zur Aufklärung die die eigene Regierung betreibt. Also wenn Sie in Zukunft von Arbeitszeitverdichtung oder von Freistellungen in einem Betrieb hören, über Friedensmissionen oder Kollateralschäden unterrichtet werden, bleiben Sie situationselastisch und schalten Sie ihr Hirn nicht auf Durchzug.
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