Sonntagsspaziergang

 

Ich erinnere mich, dass der Frühling in meiner Kindheit ganz anders gerochen hat.  Die aufgetauten Äcker hatten einen intensiv erdigen, angenehmen Geruch. Die Luft war  angefüllt mit den Botschaften und Aromen der Blüten und Pflanzen die sich auf einen neuem Lebenszyklus vorbereiteten. Man roch das frische Grün und den Duft der Blumen und Kräuter, die in den Wiesen aufgingen. Dort wo heute ein kleines Rinnsal  fast traurig über schwarzen Schlamm durch den Ort meiner Kindheit sickert, war damals ein springlebendiger Bach, der über  hellen Kiesgrund  floss. In jedem  kleinen  Tümpel tummelten sich Pfrillen und unter den Wurzelstöcken, die das Ufer säumten, versteckten sich die Bachforellen. Als Kind war ich sicher der  Natur näher als heute und voll  der Unbekümmertheit, die das alles für  selbstverständlich  hielt. Vielleicht verklärt der Blick zurück das eine oder andere, aber trotzdem hat sich sehr viel verändert.  Die Äcker im Frühling verströmen in manchen Gegenden einen widerwärtigen Geruch.  Kunstdünger und Pestizide haben dem Boden das Leben ausgetrieben und statt einer vitalen Erneuerung faulen im Frühling die Pflanzenreste vom Vorjahr vor sich hin. In manchen Teilen des Eferdinger Beckens ist das Wasser für Kinder nicht  mehr zum Trinken geeignet weil es zu viel Nitrat, das über den Dünger in die Grundwasserströme eingetragen wird, enthält. Wir gehen zur Tagesordnung über und akzeptieren einfach, dass wir fortan Wasser aus Plastikflaschen konsumieren. Die landwirtschaftlichen Erträge haben zugenommen, sind aber gleichzeitig für die Bauern fast wertlos geworden. Der Arbeitsaufwand, Energie-  und  Chemieeinsatz wird kaum mehr durch den Verkaufspreis gedeckt. Die Profite werden anderswo gemacht, von den Handelshäusern und Banken, die damit spekulieren. Für diese Spekulationen werden riesige Siloanlagen ohne Rücksicht auf Grundwasser oder sonstige örtliche Gegebenheiten projektiert und von der Politik einfach durchgewunken. Die landschaftliche Schönheit geht genau so vor die Hunde wie die Rechte der Bevölkerung. Die  Krämerseelen, die das alles organisieren sprechen von Fortschritt und von wirtschaftlichen Notwendigkeiten, wo es in Wahrheit um Profit geht. Und von Arbeitsplätzen und regionalen Vorteilen, wo es um die Einschränkung der Rechte der Anwohner geht. Die Verquickung von Wirtschaft und Politik ist eine undurchschaubare mafiöse Struktur, die Informationen filtert und  Druck ausübt, wo es notwendig erscheint. Die Welt ist für diese Leute nur ein lebloser Gesteinsbrocken, nichts mehr und in erster Linie nicht schutzwürdig und erhaltenswert, sondern ihren kommerziellen Interessen zu unterwerfen.  Aber die Welt ist nicht leblos, sie ist kein Gesteinsbrocken, der sich das Leben wie eine Blume nur an den Revers gesteckt hat. Die Erde ist ein Gesamtorganismus und wir als Teil davon sollten langsam zur Vernunft kommen und gegen allzu dreiste Eingriffe Stellung beziehen, sonst leben spätestens unsere Urenkel in einer Wüste. Aber die Menschen haben kaum noch Mut ihre ureigensten Interessen und ihren Lebensraum zu verteidigen. Sie sind verwirrt von den vielfältigen und widersprüchlichen Meldungen, die sie nicht mehr deuten können  und ziehen sich offensichtlich in ein neues Biedermeierdasein zurück. Aber Mut gibt es gar nicht. Sobald man überlegt und begreift, dass etwas nicht gut ist, ist man schon an einem bestimmten Punkt. Man muss nur den nächsten Schritt tun. Mehr als den nächsten Schritt kann man überhaupt nicht tun. Wer behauptet, er wisse den übernächsten Schritt, der lügt, dem sollte man mit Vorsicht begegnen. Aber wer den nächsten Schritt nicht tut, obwohl er sieht, dass er ihn tun könnte, tun müsste, der ist feige. Der nächste Schritt ist nämlich nie ein großes Problem. Man weiß ihn genau. Etwas anderes ist, dass er gefährlich werden kann, nicht sehr gefährlich. Aber ein bisschen gefährlich kann auch der fällige nächste Schritt werden. Es kann langfristig aber noch gefährlicher sein, ihn nicht zu tun. Aber wenn man ihn tut, dann erlebt man dadurch,   dass man ihn sich zugetraut hat, dass man auch Mut gewinnt. Während man in tut bricht man nicht zusammen, man fühlt sich gestärkt. Gerade, dass man erlebt, dass man einen Schritt tut, den man sich nicht zugetraut hat, gibt ein Gefühl von Stärke. Es gibt in unserer Zeit nicht nur die Gefahr, dass man zu viel riskiert, es gibt vielmehr die Gefahr, dass man zu wenig riskiert.

2 Gedanken zu „Sonntagsspaziergang“

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