Auswanderer und Einwanderer

 

Schon einmal war Österreich mit einer gewaltigen Fluktuation in seiner Bevölkerungsstruktur konfrontiert. Das war vor, während und nach dem Ende des tausendjährigen Reiches. Also des sogenannten tausendjährigen Reiches, denn es hat ja nur von 1933 bis 1945 gedauert,  gerade mal ein Dutzend Jahre.  Diese Zeit hat aber gereicht, um in Österreich tausende und abertausende Menschen in Bewegung zu setzen.  Die einen in den Krieg, der sie dann gefressen hat, die anderen  in die Vernichtungslager der Nazis, wieder andere ins Exil in fremde Länder. Allen gemeinsam ist, sie fehlen dem Land. Fast die gesamt jüdische Intelligenz wurde ermordet oder ins Exil gezwungen. Schon am 15. März 1938, also 48 Stunden nach dem Anschluss wurde ein Erlass über die Vereidigung der Beamten des Landes Österreich auf den Führer des deutschen Reiches und Volkes veröffentlicht. Dieser Erlass besagte, dass Juden auf Grund der Nürnberger Rassengesetze von 15. September 1935  nicht zur Vereidigung zugelassen sind. Hunderte wurden in der Folge zur Emigration gezwungen oder ermordet. Der größte Aderlass an geistiger Potenz den Österreich jemals erlebt hat. Wissenschaftler wie Wolfgang Pauli, Robert Karplus, Kurt Gödel, Erwin Schrödinger mussten gehen. An manchen Instituten wurde die Hälfte der Professoren entlassen.  Viele von ihnen wurden später weltberühmt, viele der Ausgewanderten waren spätere Nobelpreisträger. Was der österreichischen Wirtschaft und  Kultur damit verloren ging, ist in Zahlen nicht auszudrücken. Was die  Amerikanische Wissenschaft und Wirtschaft gewonnen hat, auch nicht.                               Die Alterspyramide in Österreich sieht  für das  Jahr 2035 etwa 800000  80 Jährige voraus. In Deutschland ist es ähnlich. Die Geburtenrate steigt zwar derzeit ein wenig, aber im Durchschnitt bekommt eine Frau 1,44 Kinder. Da zum Kinderkriegen aber zwei gehören, müssen diese 1,44 Kinder später einmal für 2,0 Pensionisten zahlen. Das wird auf Grund der zunehmenden Lebensdauer der Menschen auch immer länger nötig sein. Langfristig brauchen wir also Zuwanderer, sonst wird der Generationenvertrag den Bach runter gehen oder wir müssen ein  Euthanasieprogramm für Pensionisten schaffen. Gegen Zuwanderer wehren  sich aber viele Österreicher vehement, weil Fremde Ängste auslösen. Ängste die von Politikern auch noch geschürt werden, weil das Stimmen bringt. Daher sind letztendlich alle Politiker geneigt, wider besseres Wissen ebenfalls diese irrationalen Ängste zu berücksichtigen und die Grenzen mit Zäunen gegen Menschen zu sichern, die in Österreich leben und arbeiten möchten. Statt offen zu sein für das Neue sperren wir uns ein. Statt die Integration arbeitswilliger, meist junger Menschen als Herausforderung zu betrachten sehen wir sie als unlösbares Problem. Mit dieser Einstellung würden wir wahrscheinlich heute noch als Einzeller in der Ursuppe herumschwimmen, wenn nicht das Leben selbst, seit Anbeginn der Zeiten für Vermischung und Integration gesorgt hätte. Es hätte keine Evolution gegeben, wenn sich nicht unterschiedliche Lebensformen zusammengeschlossen hätten. Und genau darum hat es auch kein tausendjähriges Reich gegeben. Die Nazibonzen waren einfach zu dämlich um die Zusammenhänge zu begreifen und haben eine absurde Art von Religion zur Grundlage des Zusammenlebens gemacht. Eine Religion, die Fremdes gefürchtet und ausgeklammert und dann auch gleich vernichtet hat.

Heute war eine junge Frau aus Afghanistan bei mir. Sie lebt seit Anfang Jänner als Flüchtling  in Aschach. Als sie hier ankam sprach sie kein Wort Deutsch. Heute hat sie für ihren kleine Bruder gedolmetscht. Mit der Aussprache hapert es noch ein wenig, aber zu meinem allergrößten Erstaunen beherrscht sie die Grammatik der deutschen Sprache schon perfekt – nach drei Monaten. Eine bildhübsche, blitzgescheite junge Frau. Ob sie hier bleiben darf, ist allerdings ungewiss, denn es gibt eine Menge Österreicher, die sich vor ihr fürchten.

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