Weisheit

Ausnahmsweise nicht von mir, aber, obwohl 2000 Jahre alt, brandaktuell

Von der Kürze des Lebens

Die meisten Menschen,  mein lieber Paulinus, beklagen sich über die Missgunst der Natur: Nur für eine kurze Spanne Zeit werden wir geboren, und diese uns zugestandene Frist läuft so rasch, ja so rasend schnell ab, dass das Leben die Menschen, nur mit wenigen Ausnahmen, verlässt, während sie sich gerade im Leben einrichten. Und über diesen allgemeinen Missstand haben nicht nur, wie man meinen könnte,  die große Masse und das unvernünftige Volk lamentiert,  auch bei berühmten Männern hat diese Empfindung Klagen hervorgerufen. Daher rührt der bekannte Stoßseufzer des berühmtesten aller Ärzte (Hippokrates):  „Kurz ist das Leben, lang die Kunst.“ Daher auch der Hader des Aristoteles mit der Natur, ein Streit, der doch gar nicht zu einem Philosophen passt: „So viel an Lebenszeit hat die Natur den  Tieren gegönnt, da sie fünf oder zehn Lebensalter verbringen dürfen, während dem Menschen, obwohl er zu vielen  und großen Aufgaben geschaffen wurde, eine so viel  engere Grenze gezogen ist.   Aber nein, wir haben keine zu geringe Zeitspanne, sondern wir vergeuden viel davon. Lange genug ist das Leben und reichlich bemessen auch für die allergrößten Unternehmungen – wenn es nur insgesamt gut angelegt würde. Doch sobald es in Verschwendung und Oberflächlichkeit zerrinnt, sobald es für keinen guten Zweck verwendet wird, dann spüren wir erst unter dem Druck der letzten Not: Das Leben, dessen Vergehen wir gar nicht bemerken, ist vergangen. So ist es nun einmal: Wir haben kein kurzes Leben empfangen, sondern  haben es kurz gemacht; keinen Mangel an Lebenszeit haben wir, sondern gehen verschwenderisch damit um. Es ist wie mit reichen und königlichen Schätzen: Sobald sie an einen schlechten Herrn kommen, sind sie im Nu vergeudet, während ein auch noch so bescheidenes Vermögen, wenn es einem tüchtigen Verwalter anvertraut ist, durch Nutzung wächst. So bietet unsere Lebenszeit dem der sie gut einteilt genügend Raum.

Lucius  Annaeus Seneca   ( 1 v. Chr. Bis 65 n. Chr.)

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