Homo protheticus

 

Wir Menschen vereinen in uns zwei widersprüchliche Eigenschaften, wie sie weiter nicht auseinanderliegen könnten. Wir sind gleichzeitig die dümmste und auch die intelligenteste Lebensform auf diesem winzigen Planeten. Wie unsere nahen Verwandten, die Schimpansen, ziehen wir aus, um wie im Rausch zu töten. Gruppen junger männlicher Schimpansen, so hat die Verhaltensforscherin Jean Goddall beobachtet, ziehen los und ermorden ihre Artgenossen wo sie ihrer habhaft werden. Sie schlagen sie tot, oder verstümmeln sie und fressen sie auch auf.  Letzteres tun wir seit geraumer Zeit nicht mehr, dafür sind wir, was die Effizienz unserer Mordmethoden betrifft, die wir ohne mit der Wimper zu zucken einsetzen, die wahren Weltmeister.  Auch was die ethische Verbrämung des  Vorgangs der Tötung unserer Mitmenschen betrifft,  sind wir wahre Künstler. Wir berufen uns auf Befehle oder eine höhere Macht, der wir dienen oder auf die Notwendigkeit und das Recht der Prävention. Das ist alles so abgrundtief blöd, dass man es fast nicht glauben kann. Aber jetzt im Moment geschieht es. Seit sie zu lesen begonnen haben, sind weltweit ein paar Menschen durch die bewusste Absicht eines  oder  mehrerer anderer Menschen zu Tode gekommen. Andererseits leben wir in einem unglaublichen, von unserer überragenden Intelligenz geschaffenen  Technotop, dass uns Dinge ermöglicht, die noch vor einer Generation als Wunder gegolten hätten. Insbesondere haben wir eine Unzahl von Prothesen geschaffen, die unserem Körper für verloren gegangene Funktionen als Ersatz dienen und darüber hinaus, solche, die den Bereich unserer Sinne in einem unglaublichen Maß erweitern.  Die erste uns bekannte Beinprothese –  der Stelzfuß von Capua –  eine vermutlich etruskische Arbeit um 300 v. Christus, ist bezeichnenderweise während des zweiten Weltkrieges, bei einem deutschen Bombenangriff auf London, wo das gute Stück aufbewahrt wurde, zerstört worden. Inzwischen gibt es fast keinen Körperteil und kein Organ, das nicht zumindest vorübergehend ersetzt werden kann. Darüber hinaus haben wir vom Rasterelektronenmikroskop bis zum Hubble Teleskop technische Behelfe entwickelt, um sowohl in die kleinste wie in die größte Dimension einzudringen. Sogar das Denken haben wir in Form der elektronischen Datenverarbeitung ausgelagert und mit den virtuellen Realitäten die sich uns dadurch eröffnen,  kommen wir wahrlich in die Bereiche des Zauberhaften. Letztendlich arbeiten derzeit tausende Wissenschaftler daran, Schnittstellen zu diesen elektronischen Prothesen, zu entwickeln, damit sie direkt mit unserem Gehirn oder unserem Körper verbunden werden können. Myoelektrische Prothesen, Exoskelette, Hirnschrittmacher bei Morbus Parkinson,  Cochlea Implantate sind Anwendungen, die Hoffnung machen, dass wir in naher Zukunft unsere Fähigkeiten nochmals dramatisch erweitern können.  Damit verbunden ist aber auch die Befürchtung, das Töten noch einfacher wird, denn die ganze Elektronik wird moralischen Gesetzen gegenüber taub sein.

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