Lagerdenken

Dass Österreich in zwei Lager gespalten ist, die jetzt kriegerisch und unversöhnlich einander gegenüberstehen, ist so ungefähr der größte Blödsinn, den ich jemals gehört habe. Wer will, dass wir so denken ? Wir können über alles und jedes unterschiedlicher Meinung sein, ohne dass uns das schadet.     Aber sobald solche Gegensätze artikuliert und ständig wiederholt werden, nehmen sie Realitätscharakter an und verändern in der Folge unsere  Wahrnehmung des jeweils Anderen.

Dazu sollte man sich eines klar vergegenwärtigen: Wir alle denken in Bildern.     Wir kommen nicht mit einer Sprache zur Welt, sondern können als Kleinkinder genau so gut Kishuaheli oder Mandarin Chinesisch lernen. Was wir dabei tun: Wir benennen die äußere Welt der Bilder, die dann zu unserer inneren Bilderwelt wird mit den Lauten (Phonemen), die unsere Muttersprache für diese Bilder hat. Wir haben Wörter für Bilder und Bilder für Wörter in unserem Kopf:  Blume, Tisch, Kopf,  Mädchen….. Und damit wir ein Wort verstehen können, müssen wir ein  Bild, das zu diesen Lauten passt, in unserem Gehirn gespeichert haben. Wenn Sie geneigter Leser, die Worte: „Mwazi“ oder „Tayin“ hören, nehmen Sie ein Geräusch wahr, das jemand mit Kehlkof, Zunge und Lippen erzeugt, dessen Sinn Sie aber nicht entschlüsseln können. Denn Sie hören ein Wort in Kisuaheli und das selbe Wort in Mandarin. Sprachen, die den wenigsten Mitteleuropäern geläufig sind. Sage ich das selbe Wort auf Deutsch nämlich:“Mond“, dann ist fast augenblicklich ein Bild des Mondes vor Ihrem innerne Auge aufgetaucht. Dazu kommt, dass Menschen ein episodisches Gedächtnis haben. Das heißt, mit diesen Bildern in unserem Kopf, sind eine Menge Erinnerungen auf verschiedenen Ebenen unserer Wahrnehmung verbunden. Nämlich  Empfindungen, Gerüche, vor allem aber Gefühle. Wem ist noch nicht passiert, dass man den Duft von  Mandarinen riecht und an den Nikolaus  oder bei Tannenduft unvermittelt an Weihnachten denkt? Alles, was wir denken, hat so einen vielfältig verzweigten Hintergrund aus Erinnerungen tief in unserem Unbewußten.  Wenn man zwei Parteien zu Feinden erklärt, muss man als Rezipient dieser Botschaft Stellung beziehen. Man muss sich im Allgemeinen für eine dieser Parteien entscheiden oder fühlt sich ihr sowieso zugehörig. Und dann werden sich  auch zuverlässig die Emotionen einstellen, die man Feinden gegenüber haben soll: Mißtrauen,  Wut, Hass, Angst.  Die Politik, die Medien, die Werbung bedienen sich häufig einer Rhetorik, die solche Bilder in unserem Gehirn erzeugt und mit ganz bestimmten Emotionen verbindet, um uns damit zu manipulieren und unsere Emotionen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Wenn wir uns das gefallen lassen, wenn wir die Bilder in unserem Kopf nicht hüten, sondern zur gefälligen Verwendung an jeden, der da kommt und will,  frei geben, dann werden wir irgendwann wieder in die nächste Katastrophe schlittern. Wenn wir erlauben, dass Begriffe wie Ausländer, Asylant, Heimat, Flüchtling, Österreicher,  Zukunft…….. ihrer sprachlichen Neutralität beraubt und gezielt mit Emotionen versehen werden, dann sind wir schon nicht mehr frei.

Was wir hingegen tun müssen, ist miteinander reden und dabei in erster Linie zuhören und darauf achten, was unser Gegenüber wirklich bewegt. Nur so kommen wir voran.

 

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