Ist dies schon Wahnsinn, so hat es doch Methode

Shakespeare

Die Briten sind  ausgetreten. Die demokratische Mehrheit – sprich die Alten und die Leute, die unter  den Folgen des Austritts am meisten leiden werden – haben für alle anderen entschieden. Das ist zur Kenntnis  zu nehmen. Die Jungen, die Freiberufler, die Industrie, waren  dagegen, müssen  aber mit den  Folgen leben.  Die Zukunft Englands ist ungewiss. Die Schotten wollen in der Eu bleiben und werden wohl neuerlich ein Referendum starten, um sich vom Vereinten Königreich loszureissen. Die Nordiren sind ebenfalls draussen und die Protestanten wollen bei England bleiben, die Katholiken zur Republik Irland, die  in der europäischen Union verbleibt. Das Konfliktpotential  für ein Drama ist gegeben. Die Spannungsbögen, die dramatischen Wendungen und das Finale stehen in diesem Stück noch nicht fest. Die Zukunft ist wie gesagt ungewiss. Und je länger man darüber nachdenkt, desto mehr hat man das Gefühl, dass die Zukunft Englands gerade irgendwie  hinter dem Horizont verschwindet.

Nur ein Paar der Figuren, die in diesem Drama spielen, stehen scharf vor unseren Augen: Zuallererst David Cameron und Boris Johnson. Schulfreunde seit Jugendtagen und gemeinsam in einem studentischen Trink- und Snobclub, dem „Bullingdon Club von Oxford“,  sozialisiert. Sie waren darüber hinaus Parteifreunde und  beide  politisch erfolgreich. Cameron allerdings erfolgreicher, er brachte es zum Premierminister, während Boris Johnson nur Bürgermeister von London war. Allerdings war Camerons  Position mit einer Hypotheke bezahlt worden. Er hatte nämlich das Wahlversprechen gegeben, einem Referendum über den Austritt aus der EU zuzustimmen, falls er Premier würde. Nachdem Boris Johnson bei der Bürgermeisterwahl seinen Posten an einem Moslem verlor, schien seine Karriere an einem Totpunkt angekommen. Er war , wie schon zu Zeiten des Studiums, nur Zweiter hinter dem Musterschüler Cameron. Jetzt  betritt  ein nikotinabhängiger Nostalgiker, der mit der Gegenwart nicht viel anfangen kann,  die Bühne. Es ist der skurrile und ein wenig kauzige Nigel Farage. Sein  Thema: Loslösung von Europa. Eingedenk Englands einstiger Stellung als weltweit führender Kolonialmacht, die sich einen Großteil der Welt unterworfen hatte und über ein Imperium herrschte, das von Amerika bis  Indien reichte und  über Afrika und Australien auch weite Teile Südostasiens umfasste und dem ein Viertel der  damaligen Weltbevölkerung unterstand, war für Nigel Farage die Abhängigkeit von Europa wohl nicht standesgemäß.  Allein, er hätte es nie und nimmer geschafft, mehr als die Hälfte der Engländer hinter sich zu vereinen. Dazu ist er zu abgehoben und  selbst für Englands Verhältnisse, das an Exzentrikern nie Mangel litt, zu wenig ernst zu nehmen. Erst als Boris Johnson, der begnadete Populist auf diesen Zug aufsprang, nahm das Schicksal seinen Lauf. Das Drama näherte sich einem ersten Höhepunkt. Johnson, der den EU Austritt nie ernsthaft erwogen hatte, sah seine Chance und griff – nein nicht zum Dolch – sondern zum Mobiltelefon . Genau neun Minuten bevor er vor die Presse trat und seine Unterstützung von Farages  Austrittsbewegung bekanntgab, schickte er Cameron eine SMS, die auf diesen aber wie ein Dolchstoß gewirkt haben muss. Boris Johnson tourte durch Englands Provinz und warb mit seiner clownesken  Art, die beim Volk gut ankommt, für den Austritt aus der EU. Kein Argument wird ausgelassen, auch wen er gewußt haben muss, das viele dieser Argumente falsch waren. Boris Johnson hat Schuld auf sich geladen, aber er nähert sich dem Zenit seiner Macht. Auch wenn er ganz England, für wenige mehr als ein Pferd verkauft hat, scheint er der nächste Premierminister zu werden. So ist das eben in der tragischen Dichtung. Shakespeare hätte es nicht besser erfinden können.

Der warme Tag ist’s, der die Natter zeugt (aus Julius Caesar)

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