Aufmüpfige Ärzte

 

Seit  Jahr und Tag versuchen Sozialversicherungen, Politik und IT – Industrie das Projekt ELGA –  das ist die elektronische Gesundheitsakte – auf Schiene zu bringen. An und für sich hätte das System schon vor 3 Jahren gestartet werden sollen, aber es gelingt nicht. Genau wie in Deutschland, wo dieses Projekt bis zur Einführung wohl an die fünf Milliarden Euro kosten wird, schaffen es die damit befassten Einrichtungen und Firmen auch in Österreich nicht, das System so zu gestalten, dass man damit vernünftig arbeiten kann. Aber statt die damit betrauten Firmen und alle, die damit wirklich Geld verdienen,  an die Kandare zu nehmen, entblöden sich die Politiker wieder einmal, den Ärzten die Schuld daran zu geben. Ein neuerlicher Testlauf  mit einem Teil des Elga Systems, der  E – Medikation,  in  mehr als einem Dutzend Ordinationen hat gezeigt, dass das Eintragen der verschriebenen Arzneimittel zu einem  Arbeitsmehraufwand von bis zu einer Stunde pro Tag führt.  Ein Teil der Testärzte hat auf Grund dieses Umstandes die weitere Mitarbeit verweigert. Aber das sollen die Allgemeinmediziner schlucken. Und wenn sie – die in den letzten Jahren mit Administration geradezu überhäuft wurden – sich dagegen verwehren, stellt sich ein Regierungsmitglied vor die Fernsehkameras und  wettert, dass  die Ärzte unwillig und inkompetent seinen.  Es scheint ein staatstragendes  Projekt zu sein, weil sie es unbedingt durchziehen wollen, obwohl es derzeit weit davon entfernt ist,  die Arbeit zu erleichtern oder zu verbessern. Das ganze hat auch mit mit der Aufwertung der Allgemeinmedizin, von der die Politiker seit 30 Jahren reden, nichts zu tun. Und angesichts der Tatsache, dass  bald  vielen Gemeinden Österreichs ohne  Allgemeinmediziner sein werden, weil die Poitiker nur Sprechblasen von sich geben, statt zu handeln und  die Versorgung speziell auf dem Land in einigen Jahren nicht mehr gewährleistet ist, wird ein teures, unausgereiftes Überwachunssystem installiert. Der Sinn soll sein, dass jeder Patient  nachschauen kann welche Medikamente er gerade einnimmt.  Voraussetzung ist natürlich ein Zugang zum Internet.  Und die multimorbiden Alten hocken ja bekanntlich den ganzen lieben langen Tag vor dem Internet, vor allem im Altersheim haben sie nichts anderes zu tun, als nachzuschauen was sie gerade einnehmen.  Aber vielleicht genügt ja auch ab und zu ein Blick ins Nachtkästchen um den Überblick zu behalten. Positiv soll sein, dass jeder  Arzt  in ganz Österreich weiß, welche Medikamente verschrieben wurden, was Doppelverordnungen und mögliche Interaktionen ausschließen soll.  Aber  wenn  sie sich im Urlaub in Kärnten aus der Hausapotheke des Gemeindearztes Nasentropfen holen wollen, dann weiß der natürlich dank ELGA auch, dass Sie gerade einen Schwangerschaftsabbruch hinter sich haben.  Was die Interaktionen von Medikamenten betrifft, hat ziemlich jeder Arzt auf seinem Computer  neben einem Programm für ökonomisches Verschreiben auch ein Interaktionsprogramm installiert und darüber hinaus die Erfahrung, die es ihm erlaubt, das Risiko einer Interaktion ziemlich gut abzuschätzen. Befunde werden übrigens schon seit Jahren elektronisch übermittelt. Wenn ich bei einem Neupatienten Befunde brauche, was vielleicht 4 oder 5 mal im Quartal sein kann, dann genügt ein Anruf beim jeweiligen Arzt oder im Krankenhaus und ich habe sie 10 Minuten  später. Der Apotheker wiederum  hat nur dann Zugriff, wenn man  beim Abholen der  Medikamente freiwillig die E- Card stecken lässt. Das muss man aber nicht. Wenn man es freiwillig tut, dann kann der Apotheker  auch rezeptfreie Medikamente (sog. OTC-Produkte) eintragen (die einen nicht unerheblichen  Anteil am Umsatz einer Apotheke ausmachen),  und die  gesamte e-Medikationsliste für eine Wechselwirkungs- prüfung oder Beratung abrufen.  Er kann Ihnen dann auch weitere OTC Produkte, die garantiert keine Wechselwirkungen haben empfehlen.

Wir Ärzte sind  gut ausgebildete, hochprofessionelle Spezialisten, die es gewohnt sind unter Zeitdruck jeden Tag einen Unmenge von Problemen zu lösen. Wir bieten unsere Zusammenarbeit an, aber wir brauchen die Ratschläge und Eingriffe von Politikern , in unsere ureigenste Domäne nicht.    Noch dazu wenn deren wesentliche Leistung es ist, dafür gesorgt zu haben, dass Großkonzerne kein Steuern in Österreich zahlen, und die eigentlich  voll damit ausgelastet sind, die finanziellen Kathastrophen, die andere Politiker in diesem Land angerichtet haben, zu aplanieren.

Sollte das System jemals gut funktionieren, mag es ja da und dort eine Verbesserung geben.  Aber solange es nur Mehrarbeit im ohnehin schon aufreibenden Alltag macht, ist es eine absolute Zumutung. Was mich bei dieser, nicht unerheblichen Investition interessieren würde: Wer verdient  in den vielen Jahren, die das Projekt vor sich hin dümpelt eigentlich daran, das findet man nämlich nirgends so ganz genau.

http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/713206/ELGA_Auftraege-am-freien-Markt-vorbei

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