Dr. univ.med. Die Letzten ihrer Art

 

Ein Denar der altrömischen Familie Acilia zeigt auf der Vorderseite das belorbeerte Haupt der Göttin Salus und hinter ihrem Haar das Wort SALVTIS. Auf der  Rückseite der Münze ist das Bildnis der stehenden Göttin Valetudo, die sich an eine Säule anlehnt und in ihrer rechten Hand eine Schlange hält. Der Münzmeister dieser etwa 50 v. Chr. geprägten Münze, Manius Acilius, wollte daran erinnern, dass der griechische Arzt Archagathos seine Praxis am Acilischen Kreuzweg (compitum Acilii) in Rom übernahm. Der Schriftsteller Plinius berichtet die Geschichte des Griechen. Er kam im Jahre 219 v. Chr. nach Rom und war der erste Heilkundige, der in der Stadt seinen Beruf frei ausüben durfte. Nachdem er das römische Bürgerrecht erworben hatte, wurde ihm auf Staatskosten eine Niederlassung  an der acillischen Kreuzung zugewiesen. Er ist mithin der erste in der Geschichte bekannt gewordene  Arzt für Allgemeinmedizin.

Wir haben also eine ziemlich lange Tradition, die darauf beruht, dass ein gut ausgebildeter Arzt in Eigenregie, sich um die Gesundheitsbelange einer Gemeinde oder Bevölkerungsgruppe kümmert. Wie die bei uns gebräuchliche Bezeichnung „Praktischer Arzt“ zustande kam, weiß ich nicht wirklich.  Da ließen sich wohl verschiedene etymologische Ableitungen heranziehen. Letztendlich ist er derjenige, der praktisch alles können muss, von der Unfallchirurgie über die Kardiologie und Dermatologie  bis zur Kinderheilkunde. Darüber hinaus soll er mit Verständnis und Empathie auf die Lebensumstände seiner Patienten eingehen. Das System hat sich seit der Antike bewährt, ähnlich wie die demokratische Organisationsform von menschlichen Gesellschaften. Die Entwicklung der letzten Jahre scheint nahezulegen, dass nicht nur die Demokratie allenthalben gefährdet ist, sondern auch der selbständige Arzt in eigener Praxis. Ähnlich wie ein Rechtsanwalt, ein Richter oder ein Notar ist der Arzt niemandem außer seinen Patienten Rechenschaft schuldig und kann weisungsfrei entscheiden  um die beste Behandlung für seine Patienten zu erreichen.  Schon seit vielen Jahren wird von verschiedenen Seiten versucht an diesem Konzept herumzumurksen.                           Einerseits sind es die Kassen, die bemüht sind, möglichst wenig für die Leistungen des Arztes auszugeben, die so eine Art Pauschalmedizin von uns einfordern und auch bei fast allen Leistungen nur eine Pauschale und nicht den vollen Leistungsumfang bezahlen, ja nicht einmal  bereit sind für jeden unserer Patienten zu bezahlen.(Tatsächlich ist es so, dass die pauschalierte Grundgebühr für jeden Patienten immer geringer wird, je mehr Patienten ein Arzt betreut und das Gleiche gilt auch für alle Leistungen von der Physiotherapie bis zum EKG). Wenn ich hin und wieder  Patienten Einblick in den Leistungskatalog ihrer Krankenkasse gewähre, dann sehen sie mich ungläubig und fassungslos an und sind peinlich berührt, dass ich für manche Behandlung lediglich ein Almosen bekomme. Das solche Systeme irgendwann zum Scheitern verurteilt sind, wenn die Betroffenen erkennen, dass im Gesundheitssystem auf ihrem Rücken  –  auf ihre Kosten,  eingespart wird, ist klar. Noch dazu, wenn sowohl die Kassen, vor allem aber die Politiker,  seit Jahrzehnten mit der Sprechblase von  der notwendigen Aufwertung der Allgemeinmedizin  hausieren gehen aber genau das Gegenteil davon tun.                                                                                                                      Mehr als 60 Prozent der österreichischen Allgemeinmediziner sind  über 50 und gehen in den nächsten 10  Jahren in Pension. Die paar Versorgungszentren, die man bis dahin aus dem Boden stampfen will, werden den Bedarf  nicht decken.  Vor allem, sie werden jeden Arzt davon abhalten, sich in eigener Praxis niederzulassen und in Konkurrenz zu den subventionierten Versorgungszentren zu treten, denn das wäre ruinös. Vor allem werden diese Versorgungszentren nicht mehr wohnortnahe sein, sondern auf die größeren Gemeinden verteilt werden. Für  alte Menschen oder alleinerziehende Mütter mit zwei Kindern wird der Arztbesuch dann ein größeres Unterfangen

Die jahrelangen Warnungen der Ärztekammer wurden kategorisch ignoriert oder als durch Eigeninteressen begründet, diffamiert. Gleichzeitig sind die Ausbildungsplätze für Allgemeinmedizin dramatisch reduziert worden, denn die Krankenanstalten bilden lieber Fachärzte aus, denn deren Ausbildung dauert länger und die doch deutlich billigere Arbeitskraft eines Assistenten im Vergleich zu einem fertigen Facharzt bleibt dem Haus erhalten.  Das Endergebnis dieser Fehlentscheidungen wird die Bevölkerung  in ein paar Jahren zu spüren bekommen. Bis dann wieder eine flächendeckende Versorgung etabliert ist, wird es Jahre dauern und es wird wesentlich mehr Geld kosten, als wenn man jetzt  für Allgemeinmediziner attraktivere  Bedingungen schaffen würde.

 

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