Vatnajökull, oder der Blick auf die Welt vom Gletscher aus

Ein heftiger Sturm hat in meiner Heimatgemeinde Aschach für einen Tag ohne Strom gesorgt. In einer anderen Gemeinde in Oberösterreich gibt es zwei Todesopfer und 20 Schwerverletzte zu beklagen: Ein Festzelt mit 650 Gästen wurde vom Sturm niedergerissen. Diese Nachrichten erhalte ich vom Bürgermeister, der mich in Island am Handy erreicht. In weiser Voraussicht erkundigt er sich nach etwaigen Patienten, die in irgendeiner Form von elektrischen Geräten abhängig sind. Wetterphänomene dieser Heftigkeit und mit solchen Auswirkungen sind natürlich immer vorgekommen, aber sie nehmen weltweit zu. Die Stadt Houston in Texas steht derzeit – während ich diese Zeilen verfasse – unter Wasser und der Sturm Harvey hat bezeichnenderweise dafür gesorgt, dass neben einer derzeit noch unbekannten Zahl von Menschen auch bis zu 500 000 Autos ein vorzeitiges Ende in den Fluten gefunden haben. Der Schaden ist unermesslich. Hurrikan Katrina hat im Jahr 2005 ca. 125 Milliarden Dollar Schaden verursacht, jetzt wird es wesentlich mehr sein. Derzeit bewegt Harvey sich auf Louisiana zu und die Menschen in New Orleans – das zu großen Teilen tiefer als der Meeresspiegel liegt – zittern vor einer neuen Katastrophe. Zur gleichen Zeit sind, von der internationalen Öffentlichkeit weniger wahrgenommen (warum wohl), in Südostasien, vornehmlich in Indien, Nepal und Bangladesch durch ungewöhnlich massive Monsun-Regenfälle mehr als 1400 Menschen ertrunken. Je ein Drittel Nepals und Bangladeschs standen oder stehen unter Wasser. Im heurigen Sommer sind in Österreich und der Schweiz sieben Leichen aus verschiedenen Gletschern ausgeapert. Die Toten kommen zurück, weil die Gletscher radikal an Masse verlieren.
Als mich der besorgte Bürgermeister am Handy erreicht, sitze ich gerade in Lambhus beim Frühstück. Ich bin in einer Hütte, an einem der Ausläufer des Vatnajökull, des größten außerarktischen Gletschers bzw. des größten Gletschers Europas. Mit einer Ausdehnung von 8100 km² nimmt er 8% der Fläche Islands ein. Mehr als 3000 Kubik-Kilometer Eis sind hier bis zu einer Höhe von 900 Metern aufgetürmt. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hat der Gletscher 10% seiner Fläche verloren, rund 300 Quadratkilometer. Das hat weltweit zum Anstieg der Meere um einen Millimeter beigetragen. Knapp 700 Kilometer Luftlinie von mir entfernt, Richtung Westen, liegt Grönland. Das teilautonome Grönland, das zum dänischen Königreich gehört, ist mit seinen 2800 Kilometern von Nord nach Süd und 1000 Kilometern von West nach Ost – einer Fläche von 2.166 000 km² – die größte Insel der Welt. Es besteht zu 85 Prozent aus Inlandeis. Das Eis hat eine mittlere Mächtigkeit von ca. 1680 Metern und erreicht im zentralen Bereich eine Dicke von bis zu 3080 Meter. Die heutige jährliche Massenbilanz des grönländischen Inlandeises ist negativ, das heißt Grönland verliert an Eismasse. Auch in diesem Sommer war es in Grönland ungewöhnlich warm. Den Zahlen des Meteorologischen Instituts GEUS in Kopenhagen zufolge lagen die Durchschnittstemperaturen in Grönland im Juli bei 4,9 Grad, normal sind 2,6 Grad. An der dem Gletscherbruch nächstgelegenen Station Nord wurden im Juli durchschnittlich 5,9 Grad gemessen, das sind 1,9 Grad mehr als üblich. Erst im Frühjahr hatten Wetterforscher eine ungewöhnlich frühe Eisschmelze auf Grönland festgestellt. Zudem wurden die höchsten Apriltemperaturen seit Beginn der Aufzeichnungen gemessen. Im Zuge des Klimawandels drohen dem Ökosystem schwere Veränderungen: Ein Temperaturanstieg um einige Grad könnte das fast vollständige Abschmelzen des Eises auslösen – mit einem massiven Anstieg des Meeresspiegels als Folge.
Ein zukünftiger weltweiter Temperaturanstieg von mehr als 2 Grad gilt heute als sicher. Um das zu verhindern, müssten wir sofort weltweit unsere Emissionen drastisch reduzieren. Aber niemand denkt daran das zu tun. Lediglich die Chinesen scheinen sich langsam der Problematik bewusst zu werden, während der Trottel in Washington weiter behauptet der Klimawandel wäre eine Lüge. (Bedauerlicherweise schließen sich auch österreichische Politiker dieser Meinung an. Ich will hier keine Namen nennen, aber einer davon fängt mit ST an und hört mit Rache auf und er hat behauptet, dass in Grönland früher Wein angebaut wurde. Ob er dabei nüchtern war, wird leider nicht kolportiert). Dostojewski hat gesagt: Was die Menschen am meisten fürchten sind Veränderungen. Aber Veränderungen sind unumgänglich und wir verschließen alle unsere Augen vor den Tatsachen wie Kinder. Wir glauben nicht den Wissenschaftern, denn das wäre unbequem. Wir müssten dann sofort die Infrastruktur ändern und statt Individualverkehr zu fördern und neue Straßen zu bauen zu möglichst klimaneutralen öffentlichen Nahverkehrssystemen übergehen. Wir müssten alle unsere Anstrengung auf die Nutzung von Sonnenenergie und wiederverwertbaren oder biologisch abbaubaren Produkten richten. Das wäre eine radikale Umstellung und würde auch wehtun. Langfristig würde es uns garantiert nicht schlechter gehen, eher im Gegenteil. Aber wir glauben denen, die aus purem Eigennutz, aus rein finanziellen Erwägungen weitermachen wollen wie bisher. Wir wählen weiter Politiker, die medial gut rüberkommen, aber in Wahrheit Idioten sind, und nicht die geringste Ahnung von Geschichte oder Geographie oder von sonst irgendetwas in der Welt haben. (Ich verwende hier den Begriff Idiot im Sinne der römischen Bedeutung, die einen Stümper oder unwissenden Menschen damit bezeichnete, im Gegensatz zum vorher verwendeten Trottel, den ich uneingeschränkt so verstanden haben will, wie wir alle Trottel verstehen.) Leute also, deren Wahlkampf auch ganz offen von denjenigen finanziert wird, die Interesse am Status quo haben und deren finanzielle Interessen durch Veränderungen gefährdet wären. (Motoradhersteller z.B.) Die Wählerseele wird derweil mit politischen Themen beschäftigt, die angesichts unserer Situation Randthemen sind, um von den wahren Absichten abzulenken. Es werden Platitüden der Kandidaten verbreitet, leere Phrasen und vage Versprechungen gemacht, die allesamt, im immer gleichen Singsang, eigentlich eine Beleidigung für den Intellekt der Wähler darstellen.  Im Wahlkampf werden Realitäten ausgeblendet, weil die Wähler nicht denken, sondern glauben wollen. Es mag im kleinen Rahmen viele bemühte Menschen geben, die bereit sind, sich für öffentliche Belange einzusetzen, aber solange sie nicht bereit sind, das Machtgefüge und die Interessen derer, für die sie sich die Füße wund laufen, infrage zu stellen, kann und wird sich nichts ändern. Und so glaubt halt die Mehrheit daran, dass dereinst der eine oder andere neue Messias mit dem Geilomobil uns alle retten wird.

Quellen ttp://www.vol.at/klimawandel-luege-tagesschau-blamiert-hc-strache/5318274 O.Ö Nachrichten / 31.8.2017 der standard / 31.8.2017

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