Die Blaumilchmauer

Eine legendäre Kurzgeschichte von Ephraim Kishon handelt von Kasimir Blaumilch, einem aus der Irrenanstalt entflohenen Geisteskranken, der die wichtigste Hauptverkehrsstraße in TelAviv mit einem Presslufthammer aufreißt. Als die Polizei notgedrungen beginnt, die Straße zu sperren und die Anwohner sich über den Lärm beschweren, beginnen die Behörden eine umfangreiche, jedoch ergebnislose Ursachensuche. Der für diesen Fall zuständige Beamte weiß nichts von so umfangreichen Bauarbeiten und traut sich das aber nicht zuzugeben, desgleichen alle anderen zuständigen Beamten der Stadtverwaltung. Und so schieben die Beteiligten der Stadtverwaltung und des Bautenministeriums sich in der Folge gegenseitig den Schwarzen Peter zu. Um diese Peinlichkeit zu beenden und die Arbeiten zu beschleunigen, wird der gesamte Bautrupp der Stadt zu dieser Baustelle hinbeordert. Blaumilch erreicht mit dieser Unterstützung das Meer und flutet den neu entstandenen Blaumilchkanal, den der Bürgermeister dann mit stolzgeschwellter Brust eröffnet.
In Wien baut Blaumilch gerade eine Mauer. Rund um das Kanzleramt auf dem Wiener Ballhausplatz, halbkreisförmig bis in die Löwelstraße entsteht ein metertiefer Schützengraben, der innen mit Stahlgerüst ausgekleidet ist. Das ist das Fundament für eine 80 Zentimeter hohe und einen Meter breite Betonmauer vor dem Kanzleramt. Die Eingänge bleiben frei und werden durch versenkbare Poller gesichert. Das Gleiche gegenüber – vor der Präsidentschaftskanzlei in der Hofburg. Auf dem Minoritenplatz wird eine Passage zwischen der Kirche und der Dependance des Kanzleramts abgeriegelt.
„Ich habe das angeordnet“, sagte Innenminister Wolfgang Sobotka, der sich als oberster Sicherheitsbewahrer der Republik versteht, am 4. September. So wird es im Standard in einem Artikel mit dem Titel „Fort Sobotka“ zitiert.
Heute höre ich mit größtem Erstaunen in den Abendnachrichten, dass der Bundeskanzler die Arbeiten einstellen lässt. Ein Aufschrei der Bevölkerung, die eine vollkommene Verschandelung des Stadtteils durch eine vollkommen unnötige Mauer befürchtet, hat ihn dazu bewogen. Und auf einmal ist unklar, wer den Bauauftrag erteilt hat. Niemand weiß etwas und auf einmal weiß Innenminister Sobotka auch nichts mehr und betont, dass  er mit der Sache nichts zu tun hätte.
Einmal mehr stelle ich mir die Fragen: Von wo ist Sobotka entflohen? Und wie heißt noch mal die Republik mit den tropischen Früchten am Anfang?

derstandard.at/2000063595015/Fort-Sobotka

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