Die große Mauer

Orte, die wie Aschach direkt an der Donau liegen, werden hin und wieder überschwemmt. Das haben unsere Vorfahren bewusst in Kauf genommen. Die Vorteile, die der Fluss als Handels- und Verkehrsweg bot, wogen die Gefahren der Überschwemmung bei weitem auf. So lernte man, damit umzugehen und der Gefahr zu trotzen.
In frühen Quellen finden sich Eintragungen von Überschwemmungen: Im Jahr 1518 gab der Goldwörther Amtmann während einer Gerichtsverhandlung zu Protokoll, dass ein ganzes Dorf mit 17 Häusern „hinweggewaschen“ wurde. Er dürfte dabei auf das Jahrtausendhochwasser des Jahres 1501 Bezug genommen haben, das die Flut von 1954 noch um ein bis zwei Meter übertraf. Weitere Überschwemmungen werden für die Jahre 1210, 1344, 1402, 1466, 1490,1499, 1786, 1799 und 1845 angegeben. Besonders in Erinnerung geblieben ist den Aschachern allerdings – wohl auf Grund der zeitlichen Nähe – das schon erwähnte Hochwasser von 1954. Infolge länger andauernder Regenfälle und der Sprengung eines Wehrfeldes des im Bau befindlichen Kraftwerkes Jochenstein stieg in der Nacht vom 9. zum 10. Juli 1954 die Donau an und erreichte am 11. Juli um 3 Uhr früh den Höchststand. Die Häuser an der Donauzeile waren bis zu 1,63 Meter unter Wasser. 2013 war ebenfalls denkwürdig: Der Höhepunkt dieses Hochwassers war in der Nacht zum 4. Juni, da wurde das gesamte Eferdinger Becken zwischen Aschach und Ottensheim geflutet.
Weitreichende Schäden und das Gefühl der Ohnmacht gegenüber der Natur haben zu Plänen geführt, die Aschach vor der Donau schützen sollen: Eine Betonwand, die 8 Meter in die Tiefe getrieben und stellenweise zwischen 1,20 m bis 1,80 m hoch sein wird, soll das bewirken. Die Planung sieht vor, ab dem Schopperplatz bis zur Donaubrücke eine Mauer zu bauen, die mit unzähligen mobilen Elementen im Bedarfsfall erhöht werden kann. Ein Megabauwerk mit 1,4 km Länge geradewegs durch den Ort. Die Einsatzfähigkeit und die Unterhaltskosten müssen von Aschach gewährleistet und mitfinanziert werden. Die Logistik, die damit verbunden ist, erweist sich als hochkomplex und kostenintensiv, denn es müssen hunderte unterschiedlich große mobile Wandelemente gelagert und in kürzester Zeit transportiert, montiert und abgedichtet werden. Dafür benötigt man Personal, das durch regelmäßige Übungen mit den Aufbau vertraut ist. Immerhin sind mehr als 600 Meter mit mobilen Elementen zu befestigen und das innerhalb kürzester Zeit. Dazu müssen betriebsbereite Pumpsysteme und Generatoren zur Verfügung stehen, die im Ernstfall das Wasser, das sich hinter der Mauer sammelt, in die Donau pumpen. Denn die Mauer kann auch zu einer tödlichen Gefahr werden. Wenn gleichzeitige massive Regenfälle den Bereich hinter dem Schutzwall fluten, wird Aschach zum Aquarium. Auch wenn ein Hochwasser höher als der Schutzwall ist oder die mobilen Elemente aus Stahlblech auf der Mauer brechen oder durch Treibgut zerstört werden, könnten die Schäden und Folgen für Aschach beispiellos sein. Dann helfen auch Pumpen und Generatoren nicht mehr. Wie man sieht, einen garantierten Schutz wird es nie geben. Es ist andererseits aber verständlich, wenn die am meisten betroffenen Anwohner den Wunsch nach einer schützenden Wand haben.

Aber was sind die Folgen?

Das Ortsbild, für das Aschach berühmt ist, wird für immer zerstört.

Niemand kann voraussagen, wie sich die Bewehrung tatsächlich auf die unterhalb von uns liegenden Gemeinden auswirken wird, denn irgendwo muss das Wasser hin. Alle Berechnungen gelten nur für Standardsituationen.

Die Mauer wird, falls sie überspült wird, was bei einem sogenannten 300 jährigen Hochwasser sein kann, für alles dahinter zur Todesfalle. Es dauert denn ewig bis das Wasser abfließt.

Wenn das Eferdinger Becken geflutet wird wie 2013, wird der Schutz durch die Einbauten ebenfalls unzureichend sein.

Trotz Mauer werden im Bedarfsfall die Anwohner ihre Möbel etc. aus den Erdgeschossen in Sicherheit bringen müssen – schon aus versicherungsrechtlichen Gründen.

Niemand weiß und kann vorhersagen, was passiert, wenn die Grundwasserströme und die Uferfiltration auf eine Länge von 1,4 Kilometer unterbunden werden. Die Donau ist vor Aschach ca. 8 Meter tief. Genau auf diese Tiefe wird die Mauer in die Grundschotter der Donau abgesenkt und dadurch werden die unterirdischen Grundwasserströme von der Donau abgeschnitten. Was dann passiert, wenn heftige Regenfälle niedergehen und sich an der Mauer stauen, weiß kein Mensch. Ob die geplanten Regenüberlaufwerke und die Druckrohrleitungen*, die in jeder Seitengasse vergraben werden müssen, dem gerecht werden, kann niemand garantieren. Und ob dann schon bei einem heftigen Gewitter bei den tiefer liegenden Häusern jedes Mal die Keller geflutet werden, wissen wir nicht. Ob – umgekehrt – auf Grund der fehlenden Uferfiltration des Donauwassers dann hinter der Mauer die Grundwasserspiegel dramatisch sinken, ist ebenfalls unklar.

Die Bauarbeiten werden sich nicht über Wochen auch nicht über Monate, sondern über Jahre hinziehen. In dieser Zeit wird Aschach mehr oder weniger unwegsam, da faktisch jede Straße im Ort aufgegraben oder durch die Bauarbeiten blockiert wird.
Der Fremdenverkehr wird in dieser Zeit massiv beeinträchtigt und auf Grund der katastrophalen Auswirkungen auf das Ortsbild wird er sich auch nicht mehr davon erholen. Aschach wird stellenweise aussehen wie Belfast zur Zeit des Bürgerkrieges. Besonders die Mauer entlang der Ritzbergerstraße mit 1,20 Meter Höhe wird bei klaustrophoben Menschen einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Fast alle Bäume entlang der Donaupromenade werden dem Projekt zum Opfer fallen.

Die Baukosten – wenn nichts dazwischen kommt und alles absolut planmäßig läuft – werden mit ca. 6,3 Mio. Euro angegeben. Aber wer kennt in Österreich ein Bauprojekt dieser Größenordnung, bei dem die Projektkosten nicht deutlich überschritten wurden. Ich kenne keines.

Die jährlichen Wartungskosten, die zum Gutteil von Aschach beglichen werden müssen, belaufen sich laut den Projektunterlagen auf 53000 Euro und das auf Jahrzehnte hinaus. Aschach wird mit diesem Projekt vermutlich bis ans Ende der Zeiten Abgangsgemeinde sein.

Welche Alternativen gibt es?

Anstatt dass sich jeder Ort mit fragwürdigen Bauten in eine fragwürdige Zukunft einbetoniert, sollten alle betroffenen Donauanlieger von Bayern bis Ungarn in ein gemeinsames Projekt eingebunden werden und gemeinsam Überflutungsflächen planen und schaffen, damit die Donau bei Hochwasser, ohne Schäden anzurichten, überlaufen kann. Das ist die einzige vernünftige Lösung, die auch für die Zukunft Sinn macht. Die Holländer machen das an den Flüssen Maas, Waal, Rhein, Lek und Ijssel vor und dorthin kommen sogar die Chinesen, um zu lernen, wie man das macht. Aber das haben österreichische Entscheidungsträger nicht nötig. Lieber murkst jedes Bundesland einzeln an den Problemen herum und verschandelt um viel Geld einen Ort nach dem anderen ohne das Problem letztlich zu lösen.

Wie also entscheiden? Die Mutigen werden sagen: Wir wollen und brauchen das nicht und die weniger Mutigen werden für die Mauer sein, aber hoffen dass die Mutigen dagegen stimmen. Falls wieder einmal die Donau aus ihre Ufern tritt, können sie dann ihre Hände in Unschuld waschen.

Aschach hat eine Unzahl Überschwemmungen erlebt und überlebt. Dass Aschach allerdings den Hochwasserschutz überlebt, halte ich für sehr unwahrscheinlich.

* In jeder zur Donau führenden Gasse muss eine Druckrohrleitung mit einem Durchmesser von 60 cm 2 Meter tief verlegt werden.

2 Gedanken zu „Die große Mauer“

  1. Dem ist ja grundsätzlich nichts hinzuzufügen und ich unterschreibe das auch aus voller Überzeugung.
    Nun lese ich aber in den Aussendungen der Gemeinderatsfraktionen der GRÜNEN und der BLAUEN und weiß aus Gesprächen mit den ROTEN, dass man eigentlich gar nicht für das vom Land verordnete Projekt ist, wozu befragt man dann die Bevölkerung.
    Wir wählen unsere Gemeindevertreter, dass sie Entscheidungen treffen. Im Falle Hochwasserschutz Aschach duckt sich die Gemeindevertretung elegant weg und drückt sich vor einer Entscheidung.
    Im übrigen ist das Ergebnis der Befragung für die Mandatare sowieso nicht bindend.

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