Gott ist tot, Sebastian lebt…

Wir haben ihn ermordet von unseren Messern tropft sein Blut. Aber was kann ihn ersetzen? Seit Menschengedenken hatten wir einen Gott. Eigentlich viele Götter, rivalisierende Götter, die es uns nicht leicht machten mit ihren Forderungen. Aber immerhin, ein Etwas, dem wir als Einzigem zugestanden, unserem Dasein einen Sinn abzuverlangen und gleichzeitig, einen Sinn zu geben. Wie Friedrich Nietzsche in seiner Fröhlichen Wissenschaft verkündet hat, ist er am Beginn der Neuzeit dem ungestümen und unaufhaltsamen Angriff des Denkens zum Opfer gefallen. Damit ist aber auch die Verantwortung für jegliches moralische Handeln abhanden gekommen. Sätze wie: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, oder: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan, oder: eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt, gehören nun zur Gottesfolklore und werden von der Gesellschaft ähnlich wahrgenommen wie die Märchen der Gebrüder Grimm.
Gott wird in Europa nur mehr als Alibi benutzt für die erstaunliche Behauptung, dass es die christlich – abendländische Kultur zu erhalten gilt, die in Wahrheit nie christlich-abendländisch war, sondern seit jeher ihre Kraft aus den verschiedensten Wurzeln gezogen hat. Nicht zuletzt auch aus arabisch- islamischen, ohne die das Christliche Abendland mit seiner Anbindung an die Antike, auf die wir uns seit der Renaissance berufen, undenkbar wäre. Im römischen Reich konnte zumindest jeder zweite Bürger lesen und schreiben – auch bei den einfachen Menschen. Die Elite der Römer sprach üblicherweise Griechisch und Latein und war mit den Schriften der griechischen Philosophie genauso oder vielleicht besser vertraut, wie wir heutzutage. Im 4. Jhd. gab es in Rom 28 öffentliche Bibliotheken. Die größte dürfte die von Kaiser Traian eingerichtete, lateinische und griechische Bibliotheka Ulpia gewesen sein, die tausende literarische und wissenschaftliche Werke enthielt. Sobald die christliche Lehre – verbreitet von aggressiven Fanatikern, die vor Mord und Zerstörung nicht zurückschreckten – zur Staatsreligion wurde, wurde auch Wissen unterdrückt. Sämtliche Schulen wurden geschlossen, Schulbildung als unnötig, ja gefährlich erachtet. Nur Gottes Wort und seine Interpretation durch eine feudale Priesterkaste wurde zum einzigen erlaubten Wissen. Da Gelehrigkeit nur mehr in Klöstern praktiziert wurde, gelang es der Kirche, bis heute zu behaupten, sie sei die Bewahrerin der Geschichte. In Wahrheit hat die Kirche das zu verantworten, was wir das finstere Mittelalter nennen. Ein Zeit, in der alle Gelehrsamkeit der Antike, vom modernen medizinischen Denken des griechischen Arztes Galen, bis zu den mathematischen Konzepten eines Euklid oder Pythagoras oder Archimedes verloren schien, also alles was die Menschheit bis dato an Gelehrsamkeit besessen hatte. Eine Zeit, in der innerhalb eines Jahrhunderts nach dem Untergang des weströmischen Reiches die Menschen Europas wieder zu Analphabeten wurden und von der Kirche mit Teufel und Hölle, in Angst und Schrecken versetzt, und zu unbedingtem Gehorsam gezwungen werden konnte. Hätten nicht die oströmischen Kaiser und arabische Gelehrte, unter anderem in Spanien, dass jahrhundertelang von den Mauren regiert wurde, alles was sie an antiken Texten vorfanden gesammelt, aufbewahrt und übersetzt*, wüssten wir absolut nichts über die europäische Vergangenheit. Wir wüssten nichts von Platon oder Seneca. Weder die Reden des Cicero* noch die Dichtung Vergils oder die Dramen des Aischylos oder die Fabeln des Aesop wären uns bekannt. Was wir den Klöstern zu verdanken haben, dass sie aus Sparsamkeitsgründen die antiken Pergamente abgekratzt und mit religiösem Geschwafel und Heiligengeschichten überschrieben haben. Da sich aber darunter mit den Methoden der Neuzeit die ursprünglichen Texte erschließen lassen, haben die antiken Texte in den Klöstern überlebt. Palimpseste nennt man solche überschriebene Texte.
Ähnliches passiert in der Welt gerade auch, oder schon wieder. Die Wahrheit wird allenthalben überschrieben. Mit „stichhaltigen Gerüchten“, könnte man in Anlehnung, an die, an Dummheit und Dreistigkeit, kaum zu überbietende Aussage des Herrn Gudenus sagen. Das was sozialen Sinn und Zusammenhalt einer Gesellschaft ausmacht, seien es soziale und gerechte Krankenversicherungssysteme oder Arbeiterrechte, die der Profitgier der Unternehmen und Konzerne zumindest einigermaßen Schranken auferlegen, wird derzeit abgekratzt und mit Sprachgeschwurbel überschrieben. Und das Erstaunliche – den Österreichern erscheint die Wahrheit, gar nicht mehr von Bedeutung zu sein. Sie sind voll der Begeisterung für das was ihnen vorgegaukelt wird. Dass die Regierung jetzt vom Industriellenverband geführt wird, ist ihrer Aufmerksamkeit entgangen. Und die meistgelesene Zeitung ist nach wie vor die Krone, die nicht müde wird zu behaupten dass die die Meinung einiger weniger mit der Meinung des Großteils der Österreicher deckungsgleich sei. Wer den heutigen Artikel über den Jungkanzler mit dem Titel Sebastian ist mir lieber gelesen hat, weiß was ich meine.

P.S. Nun, an seiner Stelle, bei seinem Hang zum Höheren, wäre ich auch für Sebastian. Sebastos ist die griechische Übersetzung des lateinischen Augustus und das heißt nichts weniger als: Der Erhabene. Also sowas wie ein kleiner Ersatzgott, für die, die nicht selber denken, sondern glauben wollen. Und Der Erhabene ist auf jeden Fall besser als ein gewöhnlicher Bundeskanzler.

*Als Übersetzter fungierten in Al Andalus, also dem maurisch regierten Spanien, (711 bis 1492), sowohl Araber als auch Juden und Christen, die in diesem Reich friedlich miteinander lebten.
*Überschrieben war Ciceros De re publica mit Psalmkommentaren von Augustinus.

Nachtrag: Ich anerkenne die Bemühungen der katholischen Kirche und ihrer Teilorganisationen, die sich der Rolle als Vermittlerin zwischen den Religionen und ihrer Bedeutung als Unterstützerin einer sozial gerechten Ordnung langsam bewußt wird.

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