Reconquista

Die Jugendbewegung der 1968er Jahre, so sehr man darüber streiten kann, wie sinnvoll einzelne Entwicklungen waren, kann als ein notwendiger Gegenentwurf gegen die triste, puritanischen und von alten Dogmen geprägte Nachkriegsgesellschaft betrachtet werden. Aus der Distanz der Jahre kann man klarer sehen, was die Jugendbewegung bewirkt hat. Einerseits wurde die Jugend politisiert und hat, statt sich weiter bevormunden zu lassen, eigene Ideen entwickelt und verwirklicht. Aus autoritären, patriarchalischen Verhältnissen kommend, war der Versuch, neue Formen des Zusammenlebens, insbesondere auch des familiären Zusammenlebens zu finden logisch und das Aufbrechen von jahrhundertealten Sexualtabus die notwendige Folge. Die alten Autoritäten, in Europa vielfach noch geprägt vom Ungeist des Nationalismus bzw. in Österreich und Deutschland des Nationalsozialismus und dessen Ideen, wurden erstmals in Frage gestellt und reagierten in gewohnter Weise mit Gewalt. Das führte zwangsläufig zur Konfrontation mit den staatlichen Institutionen. Ob es die Professoren an den Universitäten, die Politiker und ihre reaktionären Gefolgschaften, das Militär oder sonstige Institutionen betraf, sie mussten sich, ob sie wollten oder nicht, der Kritik stellen und ihr Beharren auf ihrem Autoritätsanspruch führte in der Folge zu Studentenprotesten und als Reaktion auf staatliche Gewalt in letzter Konsequenz zu RAF und Bader/Meinhof. Die kamen zu dem Schluss, dass man Gewalt nur mit Gewalt beantworten könne. Die andere Richtung – friedliche Hippies, die konsequent eingeraucht waren und außer Musik machen und Musik konsumieren, nur noch ein naturverbundenes Leben mit freier Sexualität als Ziel anstrebten. Das Ganze möglichst in Goa oder auf einem sonstigen, von der Sonne beschienenen Flecken Erde, wo das Leben billig und mit möglichst wenig Anstrengung zu bewerkstelligen wäre. Musik war eine treibende Kraft. Aber genau wie Literatur im Allgemeinen, mit wenigen Ausnahmen, keine langfristigen gesellschaftlichen Änderungen bewirkt, bewirkte die Musik auch eher wenig. Eigentlich nur, dass die Musikindustrie, die auf diesen Zug aufgesprungen war, sagenhafte Umsätze erzielte. Man könnte überspitzt sagen, dass die Hippie – Bewegung eine Art poetischer Kinderkreuzzug zugunsten der Musikindustrie war. Was ist geblieben? Die Rolle der Frau in der Gesellschaft hat sich ein wenig verbessert, aber bis zur vollen Gleichberechtigung, zumindest in finanzieller Hinsicht, hat es gerade nicht gereicht. Und wie die Ereignisse der letzten Zeit – Stichwort me too -beweisen, ist der männliche Chauvinismus in der Emanzipationswelle nicht untergegangen. Allerdings, dass Mann den Kriegsdienst verweigern kann, ist eine Folge der Jugendrevolte und das Homosexuelle nicht mehr eingesperrt werden (seit 1971) und Abtreibung im Rahmen der Fristenlösung legal ist(seit 1975). Fällt mir sonst noch was ein? Ja, die Erziehung der Kinder. Was die 68er Generation deutlich von ihren Vorgängern unterscheidet, ist der Umgang mit den Kindern. Hier hat sich wirklich viel geändert. Gewalt in der Kindererziehung, Prügelstrafe und die g‘sunde Watschn sind kaum noch ein Thema und das halte ich für einen wesentlichen Beitrag für eine friedliche Gesellschaft. Na ja, immerhin, ein paar neue Werte wurden auf neue Tafeln geschrieben. Aber grundlegend hat sich die Gesellschaft nicht verändert. Wie den auch – menschliche Bedürfnisse fokussieren seit Jahrtausenden auf die gleichen Brennpunkte. Gesellschaftliche Entwicklung, hin zu mehr Freiheit und Selbstbestimmung, ist immer nur in dem Grad möglich, den die Gesellschaft und ihre Vordenken für möglich halten.
Derzeit werden diese Möglichkeiten wieder enger gesehen. Leute, wie ein sattsam bekannter Herbert Kickl, die den Anspruch erheben, Vordenker einer konservativen Revolution zu sein, oder der FPÖ-Klubdirektor und Olympia- Burschenschaftler Norbert Nemeth, verwendeten schon vor der Nationalratswahl in ihrer Rhetorik den Terminus, sie wollten, wenn sie an die Macht kämen, die Hegemonie der 68er brechen. Der bayerische CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt hatte ebenfalls eine neue konservative Revolution gefordert. Wie die aber aussehen soll, was sie damit meinen und wie sich die Gesellschaft ändern soll, darüber bleiben sie eine Antwort vorerst schuldig. Da sie aber sehr konkret die Veränderungen, die der 68er Bewegung zu verdanken sind ansprechen, hieße das dann: Steile Hierarchien – wir da oben ihr da unten. Der Staat und seine Vertreter, eventuell auch die Kirche, bestimmen wieder, wie weit Freiheit gehen darf. Die Moral des Volkes – was erlaubt ist und was nicht, steht im Parteiprogramm der FPÖ. Frauen an den Herd. Kinderreichtum ist ein Segen. Homosexualität und Abtreibung werden wieder strafbar. Wir sagen euch was richtig ist und ihr habt euch daran zu halten!
Ob es in so einer Gesellschaft dann noch Sauerstoff zum Atmen gibt?

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