Und nicht nur zur Sommerzeit….

Ungefähr um 218 vor Chr. lebte in Rom der Komödiendichter Plautus. In einem seiner Stücke wird ein Brief vorgelesen, in dem sich der Schreiber beklagt, dass er früher einmal zu Bett gegangen wäre, wenn er müde war und gegessen hätte er, wenn er hungrig war. Seine Freunde hätte er auf dem Forum getroffen, wenn ihm der Sinn danach stand. Aber jetzt, so jammerte er, müsste sich sogar sein Magen nach der Uhr richten. Der Hintergrund war die Erfindung einer tragbaren Sonnenuhr durch griechische Ingenieure und die war bei reichen Römern eine begehrte und für damalige Zeit sensationelle Neuerung. Ab sofort gab es, zumindest bei Sonnenschein und tagsüber, eine konkrete Zeit, die den Ablauf des Tages präzise bestimmte. Menschen mussten pünktlich werden. „Wenn du nicht da bist, wenn der Schatten auf Mittag fällt, Sklave, dann bist du im Zirkus bei den Löwen, klar!“ Zeitsysteme sind immer auch soziale Systeme, die kontrolliert werden und eingehalten werden müssen. Von Kindesbeinen an wird uns ein Zeitgewissen eingeimpft, das uns anhält, pünktlich zu sein, denn Zeit ist Geld und wir leben jetzt in einer Leistungsgesellschaft und Leistung lässt sich nur über Zeit definieren: Leistung = Arbeit in der Zeiteinheit. Im Jahre 1325 hat Papst Johannes XXII eine Bannbulle herausgegeben, in der er all jenen den Kirchenausschluss androhte, die sich mit der Einteilung der Zeit beschäftigen und hat als Begründung angeführt : Wer die Zeit beherrscht, beherrscht die Menschen. Als ob er unsere im Sekundenbereich getakteten Welt vorausgeahnt hätte. Ab der industriellen Revolution war Zeit tatsächlich Geld und sämtliche Lebensbereiche, aber auch der Mensch selbst wurden der neuen Produktionsweise angepasst. Die Einführung der Sommerzeit bringt, und das war die ursprüngliche Idee, Ersparnisse bei der Beleuchtung von Fabrikhallen. Dass der Mensch eine Stunde länger das Sonnenlicht genießen kann, ist eigentlich ein arger Zynismus, wenn man den 12 Stunden Tag wieder einführt. Aber letztendlich geht es auch bei der Sommerzeit und dem dadurch längeren Tag um Konsum und Gewinn. Haben wir denn Freizeit? Wir haben frei, um zu konsumieren. Ob es der Gastgartenbesuch ist oder ob wir uns als Rennfahrer verkleiden und auf einem sündteuren Fahrrad durch den Wald brettern, ob wir den Gartenhäcksler starten oder den Rasenmäher, oder noch eine Runde mit dem Motorrad fahren, wir dienen mit all diesen Aktivitäten der Wirtschaft. Freizeit ist Konsumzeit. Und die Sommerzeit führt dazu, dass wir noch weniger zur Ruhe kommen. Die Häufigkeit von Erschöpfungsdepressionen hat in den letzten Jahren dramatisch zugenommen. Und diejenigen, die für die Beibehaltung der Sommerzeit plädieren, haben nie darüber nachgedacht, wie sich das langfristig auf unser aller Leben auswirkt. Argumente wie jenes, dass bei Dunkelheit mehr Unfälle geschehen und durch längeres Tageslicht weniger Nachtschwärmer ums Leben kommen sind Unfug. Bei Beibehaltung der Sommerzeit ist es im Winter bis 9 Uhr vormittags dunkel. Gerade dann, wenn unsere Kinder zur Schule gehen. Ist uns das dann lieber? Ich denke wir sollten der Welt ihre Zeit lassen und ihre Abläufe, die unsere Biorhythmik seit mindestends 240 Millionen Jahren bestimmen, nicht um der Arbeit oder der Freizeit willen verändern. Wir sollten uns alle mehr Zeit nehmen, vor allem füreinander und nicht für den nutzlosen Firlefanz, den uns die Industrie als unabdingbar einreden will.

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