Die Bi- Ba- Burschenherrlichkeit

Nicht der Bibabutzemann geht in unserem Land herum, sondern ein ähnlich antiquiertes Gespenst, das in unserer Zeit eigentlich so vorgestrig ist wie kaum was sonst. Es sind die akademischen Burschenschaften. In Österreich haben schlagende Burschenschaften ungefähr 3000 Mitglieder. Die österreichischen, schlagenden Burschenschaften sind allesamt rechtsnational bis rechtsextrem und frönen einem Geschichtsbild, das im Wesentlichen aus der Verklärung ihrer eigenen und der „teutschen Geschichte“ besteht. In einer Reportage, die kürzlich von ATV ausgestrahlt wurde, kam Diether Podgorscheck, Sohn des Elmar Podgorscheck, der Landesrat in Oberösterreich ist und durch seinen illustren Vortrag bei der AfD aktenkundig wurde, zu Wort*. In seiner Funktion als Vorsitzender des Wiener Korporationsrings, erklärte er, dass die Tradition des Waffentragens unter Studenten dadurch zustande kam, dass sie sich auf dem Weg zur Universitätsstadt gegen Räuberbanden verteidigen mussten. Der Ursprung sei also der bewaffnete Schulweg gewesen.
Das stimmt so nicht ganz. Tatsache ist, dass ab der frühen Neuzeit das Studium zunehmend eine Angelegenheit der begüterten Gesellschaftsschichten war. Das Bild der Universitätsstädte bestimmten vornehme junge Männer, die ihrer gesellschaftlichen Stellung durch entsprechende Kleidung und oft auch anmaßendes Benehmen Ausdruck verliehen. Dazu kam, dass ab Mitte des 15. Jahrhunderts in Spanien aus dem mittelalterlichen Schwert eine kleinere Form der Fechtwaffe entstand, die nun auch von Zivilisten im Alltag herumgetragen werden konnte und sich europaweit als Standard-Ausstattung eines vornehmen Herrn einbürgerte. Im Jahr 1514 erlaubte Kaiser Maximilian I. von Habsburg den Studenten das Tragen dieser Waffen ausdrücklich als Zeichen ihrer gehobenen Gesellschaftsposition. Das Ganze war also eher aus Angeberei und Standesdünkel entstanden als zum Selbstschutz und daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Die Burschen fühlen sich als was Besonderes, Mitglieder einer Elite, auch wenn sie noch so versoffen und unterbelichtet sind. Wenn man ein Schwert oder einen Degen sein Eigen nennt, dann muss man das gute Stück natürlich auch benutzen und wenn irgend nötig jemanden damit aufspießen. Testosteron, damals wie heute die Lieblingsdroge junger Männer, führte zu zahlreichen Duellen mit zahlreichen Toten. Der letzte bekannte Zweikampf mit tödlichem Ausgang geschah am 28. Januar 1933, als sich bei einer Mensur zwischen der Burschenschaft Holzminda und der Burschenschaft Alemannia in Göttingen ein Unfall ereignete, bei dem sich der Schläger des Holzminden unter dem Nasenblech des Alemannen verfing und ins Gehirn eindrang. Die Gesetzgeber, auch die Nazis im Dritten Reich, wollten dem Einhalt gebieten. Man wollte ja potentielle Kriegsteilnehmer nicht schon vor ihrem möglichen Einsatz verlieren. So wurden diese ritualisierten Zweikämpfe entweder verboten oder zumindest so gestaltet, dass keiner mehr zu Tode kam. Die Mensuren werden heute in einer Schutzmontur, die nur den unwesentlichsten Teil des Körpers, nämlich den Kopf frei lässt, geschlagen. Sie gelten als männliche Ertüchtigung, um Charakterfestigkeit und Mut herauszubilden. Viel eher trifft aber zu, dass diese Testosteron-geschwängerten Mannbarkeitsrituale autoritäre Denk- und Verhaltensweisen fördern und Charakterstrukturen wie Brutalität, Indifferenz gegenüber den Empfindungen anderer und Missachtung des Individuums betonen. Das ist aber auch gewollt. Wenn es anders wäre, würden wohl auch Frauen auf dem Paukboden stehen. Das wäre eine echte Mutprobe für die Burschis – wenn ihnen nämlich eine geübte Fechterin mit dem Säbel einen Scheitel zöge. Aber soweit reicht die Schneid dann doch nicht. Da saufen sie lieber einen Bierjungen. Was nun das Geschichts- und Weltbild betrifft, so ist dieses ein sehr einfaches: Wir waren und sind immer die Guten, fertig aus. Alle anderen – früher die Juden, heute der Islam bzw. jeder „Ausländer“ – werden einerseits als unterlegen aber andererseits als Aggressor betrachtet. Ein Weltbild also, das dem politischen Entwicklungsstand des Cro –Magnon-Menschen am Ende der Eiszeit entspricht. Es ist kein Wunder, dass sich die unzähligen „Einzelfälle“, die in der Umgebung der von Burschenschaftlern durchdrungenen FPÖ zu verzeichnen sind, fast ausschließlich auf rassistische Diskriminierung oder eindeutige Verherrlichung des Nationalsozialismus beziehen. Einer dieser paradigmatischen Einzelfälle bei der Burschenschaft Gothia zeigt einen Gothen mit dem Hitlergruß am Fenster. Der beteuert natürlich, dass er gewunken hat und dies nur auf einem bewegten Video zu beweisen sei, nur dort könne man neben dem Ort auch die Bewegung der Hand sehen. Da wir schon im akademischen Bereich sind, möchte ich hier einen akademischen Vergleich aus der Physik bringen. Die Heisenbergsche Unschärferelation besagt, dass man Ort und Impuls eines Teilchens in der Quantenphysik nicht gleichzeitig feststellen kann. Insofern hat der Gothe, soweit es die Fotografie betrifft, recht. Beim Hitlergruß gilt aber in Österreich schon lange etwas, das ich hier einmal salopp als die Heisenbergsche Unschuldsvermutung bezeichnen möchte. Die besagt: Es ist davon auszugehen, dass alle Burschenschaftler, die mit erhobenem rechtem Arm fotografiert werden, winken.

*Hier wird, wie in vielen anderen Fällen auch, offensichtlich, dass die Burschenschaftleritis eine familiäre Disposition voraussetzt und im väterlichen oder großväterlichen Erbgut häufig ein NSDAP Gen zu finden ist.

https://www.tt.com/politik/innenpolitik/15259579/hitlergruss-bei-burschenschaft-bild-zeigt-offenbar-fpoe-mitglied

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