An meine Völker…..

Mit dieser Überschrift teilte am 28. Juli 1914 Kaiser Franz Josef aus seiner Sommerresidenz in Ischl der Bevölkerung mit, dass er in seiner allergnädigsten und gottgewollten Kaiserlichkeit beschlossen habe, die Österreicher in den bis dahin schlimmsten Krieg der Menschheitsgeschichte zu hetzen. Die nationalistische Presse heizte die Kriegsstimmung an und hunderttausende junge Männer meldeten sich begeistert und freiwillig bei der Armee, um an den zahlreichen Fronten zu Menschenbrei verarbeitet zu werden. Alles nur eine Frage der Manipulation. Damals wurde der Hass auf Serbien (Serbien muss sterbien..)*1) geschürt und wurde zur treibenden Kraft für das Chaos, in das ganz Europa stürzte. Dass die Monarchie noch auf vielen Ebenen des kollektiven Unbewussten der Österreicher eine Rolle spielt, steht für mich außer Zweifel. Die Unterwerfung ist ein österreichischer Grundreflex, der automatisch wie die Verdauung von Schnitzel und Knödel funktioniert und vor jeder vermeintlichen Autorität ein Buckerl macht und den Hut zieht, auch wenn sie ihm gerade ins Gesicht geschlagen hat. Und wenn es niemanden mehr gibt, der tatsächliche Autorität hat – eine moralische meine ich – dann sucht sich die österreichische Seele ganz von selber einen kleinen Monarchen, damit sie zu jemandem aufblicken kann. Sonst lassen sich die Vorgänge der letzten Wochen und Monate nicht verstehen, sonst begreift man nicht, warum Strache 45 000 Vorzugsstimmen bekommt und Kurz noch ein paar Prozente zulegt.

Sachthemen und Ehrbarkeit spielen in der Politik keine Rolle mehr, es geht ausschließlich um Emotionen. Populismus kommt ohne Ideologie oder eine Wertediskussion aus. Es gibt keine Fragen und keine Antworten, es gibt nicht einmal Parteien, die für irgendetwas stehen, dafür gibt es Bewegungen. Es genügt, ein paar Nebelgranaten wie die Wörter „Zukunft gestalten“…. „ Tun was richtig ist“… oder: „Es ist Zeit“ auf Plakatwände zu picken, um bei Menschen, die nicht in der Lage sind selber zu denken, ein Gefühl des Aufbruchs und der Zuversicht zu erzeugen. Den ganzen verwaschenen Lügenzirkus werden wir bald wieder erleben. Denn die Sachthemen, um die es den Geldgebern der Türkisen Bewegung geht, sind sicher nicht mehrheitsfähig. Dabei geht es nicht um leistbare Wohnungen oder die gesicherte Pflege im Alter oder ein modernes Schulsystem, sondern einzig um die Interessen der oberen Zehntausend. Oder hätte Sebastian Kurz die letzte Wahl gewonnen, wenn er von Anfang an gesagt hätte: Ich werden den 12 Stundentag und die 60 Stunden Woche einführen. Ich werde die Zerschlagung des Krankenversicherungssystems für Arbeiter und Angestellte als Reform bezeichnen und das Schulsystem wieder in Schranken weisen, die wir früher für gut befunden haben, weil dadurch die Grenzen zwischen unten und oben klarer gezogen werden können. Und gemeinsam mit der FPÖ, mit der ich mich schon lange vor dem Wahltag geeinigt habe, werde ich eine Menge Gesetze beschließen, die meinen kapitalkräftigen Unterstützern noch höhere Profite verschaffen werden? *2)

Waren es beim Wahlkampf 2017 die Fremdenfeindlichkeit in Form der Floskel von der Balkanroute und in vage Worte gekleidete Emotionalitäten, die tagein tagaus wiederholt wurden, um eine Schleimspur zu erzeugen, die breit genug für eine parlamentarische Mehrheit von ÖVP und FPÖ war, wird es es in den kommenden Monaten die Ungeheuerlichkeit sein, mit der Kurz gegen den Willen der Mehrheit der Bevölkerung (wobei man als Untertan akzeptieren muss, dass 30 % der Bevölkerung die Mehrheit ist), abgewählt wurde. Wir werden es jeden Tag hören. Auch beim kommenden Wahlkampf geht es nicht um Sachthemen und die Machtgelüste von Sebastian Kurzens Buberlpartie, die wieder vom Industriellenverband und – wie es Strache ausgedrückt hat, von Idealisten, die weniger Steuer zahlen wollen – gesponsert wird. Es geht auch nicht um Postenschacher für rechte Burschenschaftler und deren Absichten, die weit über das hinausgehen, was die Demokratie zulässt, sondern um eine Stilisierung zum Märtyrer. Denn wenn er jetzt noch auf die Mitleidstube drückt, dann hat er wieder ein Thema, das die vielen mitfühlenden Muttis, die jungen Arbeiter, die vom ersten Gehalt die Anzahlung für den BMW hinlegen und vom Aufstieg träumen, aber auch viele junge Menschen, die in seiner scheinbaren Eloquenz ein Vorbild sehen, zu Komplizen macht. Und er wird das, was bisher geschah – so absurd es auch ist – als erfolgreichen Weg bezeichnen, obwohl er das Land in eine der größten moralischen Krisen seiner Geschichte geführt hat. Der Schließer der Balkanroute reitet wieder. Und da mag eine Assoziation hin zum Kaiserreich und zum Kaiser entstehen. Hat dieser doch einmal den ganzen Balkan beherrscht und das ist im kollektiven österreichischen Unbewussten immer noch präsent. Da wirkt es dann beinahe majestätisch, wenn der Kronprinz Sebastian seinen Einfluss auf diese Region geltend macht und die Balkanroute schließt. Auch das bleibt dann im kollektiven Unterbewusstsein haften. Auch wenn es gar nicht Kurz, sondern Angela Merkel war. Aber die Wahrheit spielt im Wahlkampf keine Rolle und der Kronprinz hat es auch nicht nötig, bis zur Wahl im Parlament anwesend zu sein. Er nützt die Zeit, um durch die Erblande zu reisen und sich direkt an seine Völker zu wenden.

Man kann jetzt nur hoffen, dass die anderen Parteien sich in geeigneter Form an ihre Mitbürger wenden.

*1) Serbien muss sterbien, jeder Schuss ein Russ, jeder Stoß ein Franzos…
*2) https://kontrast.at/ibiza-affaere-kurz/
https://www.falter.at/archiv/wp/vorbei-am-rechnungshof

2 Gedanken zu „An meine Völker…..“

  1. Es genügt darauf mit einem Satz zu antworten: gegen sozialistische Utopien sollte das System der Eigeninitiative und selbstverantwortung wieder Raum gewinnen. Weg von der staatlichen Hängematte. Die Menschen sollten sich wieder vom staatlichen Vormund befreien.

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    1. Wieso genügt es mit dem Credo des Neoliberalismus darauf zu antworten? Der Sozialstaat, den Kurz zerstören will, ist eine der wesentlichsten zivilisatorischen Errungenschaften. Wenn es keine staatlichen Eingriffe gäbe, würde das System immer wieder von den zyklischen Krisen des kapitalistischen Systems erschüttert werden. Wir haben es vor nicht allzu langer Zeit erlebt. Man lässt die Banker tun was sie wollen und schon haben sie in ihrer Gier eine Krise von biblischen Ausmaß angerichtet und lassen sich dann von den Staaten retten. Genau so ist es mit den Unternehmen: Solange die Komjunktur brummt heften sie sich das an ihre Fahnen. Wenn es bergab geht geben sie dem Staat die Schuld und wollen mit Steuergeldern ihren Arsch retten, oder sie lassen sich wie vor dem zweiten Weltkrieg auf einen Pakt mit den Faschisten ein. Der Neoliberalismus und der damit einhergehende Aufstieg rechter Parteien ist innerhalb der nächsten 20 Jahre Geschichte. Alle sehen, dass die Freiheit der Märkte, von der Sie träumen, genau so eine Illusion ist wie die sozialistische Planwirtschaft. Stabile demokratische Sozialstaaten sind das, was einer idealen Gesellschaft am nächsten kommt und in diese Richtung fährt der Zug, allerdings auf Umwegen

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