Auf der Insel

Westlich von uns ist Kanada. Allerdings in gehörigem Abstand. Der ganze Atlantik liegt dazwischen. Nur die winzige und unbewohnte Insel Tarasaigh ist noch ein wenig nordwestlich von uns.
Wir sind in Seilebost, einem kleinen
Weiler auf Luskentyre, dem südlichen Teil von Harris. Harris ist wiederum der südliche und gebirgige Teil der Lewis und Harris Insel und gehört zu den äußeren Hebriden. Hier am äußersten Punkt Großbritanniens gehen die Uhren anders. Eine gewisse Gelassenheit strahlen die Bewohner des Eilandes allesamt aus. Aber das Thema Brexit verursacht auch ihnen Kopfzerbrechen, das schwingt bei jedem Gespräch irgendwie mit. Allerdings ist man hier sowieso an gewisse Einschränkungen gewöhnt. Das nächste Geschäft ist in Leverburgh, zehn Kilometer entfernt, auf einer Großteils nur einspurigen Küstenstraße, mit ein paar Dutzend Ausweichstellen. Frische Ware kommt immer Montags am frühen Nachmittag, auch frisches Brot. Sonst gibt es nur abgepacktes in Plastiktüten. Dementsprechend belebt ist dann auch der Laden um diese Zeit. Französischer Wein und Käse, spanische Oliven, Creme Karamell ebenfalls aus Frankreich und Olivenöl aus Italien steht in den Regalen des Geschäftes. Daneben alles was man so braucht, von der Rohrzange bis zum Bindfaden. Nach Stornoway, der Hauptstadt der Insel, fährt man etwas länger, fast eine Stunde wenn das Wetter gut ist. Dort gibt es mehr.
„Wir wissen alle nicht was kommen wird“, sagt unsere Vermieterin, eine kleine agile ältere Lady. „Wir müssen uns wohl oder übel damit arrangieren. Es wurde abgestimmt, es ist wie es ist“, meint sie achselzuckend. Demokratie ist eben Demokratie, besonders in England, soll das wohl heißen. Aber wirklich verstehen kann sie es nicht.
„Von der EU haben alle profitiert“, meint sie. „Leute die vorher nie gefischt haben, bekamen von der EU ein Boot bezahlt und die Harris Whiskey Destillerie war auch ein EU Projekt.“
Hier, auf Lewis und Harris wird sich wohl nicht allzuviel ändern durch den Brexit. Man lebt hier vom Tourismus, von Fischfang und Krabbenzucht und von der Verarbeitung der Wolle unzähliger Schafe zum berühmten Harris Tweed.
Aber im Rest von England braut sich Übles zusammen. Die englische Autoindustrie hat im ersten Halbjahr 2019 einen Rückgang um ein Fünftel zum Vorjahreszeitraum zu verbuchen. Die Investitionen der Automobilhersteller und ihrer Zulieferer sind um 80 Prozent zurückgegangen. Honda schließt sein einziges Werk in Swindon. 3500 Arbeitsplätze gehen damit verloren, weitere Tausende bei Zulieferern und Servicebetrieben. Nissan, mit 7000 direkt Beschäftigten größter Autoproduzent in England und wichtiger Arbeitgeber in der industrieschwachen Region Sunderland, fängt an, Teile seiner Produktion nach Japan zu verlegen. Sunderland hat mit 61 Prozent für den Brexit gestimmt. Toyota hat die Überprüfung seines Standortes in Burnaston bis Anfang 2020 angekündigt. Allein auf diese drei japanischen Hersteller entfällt die Hälfte der gesamten englischen Automobilproduktion. Erschwerend kommt hinzu, dass alle japanischen Zulieferunternehmen vor dem Absprung stehen. Mini – Automobiltochter von BMW und drittgrößter Hersteller auf der Insel, plant Schließungen und Produktionsverlagerung nach Südafrika. Jaguar, Land Rover, das 2008 vom indischen Stahlmagnaten Tata vor der Pleite gerettet wurde, hat ein massives Sparprogramm und die Streichung von 4500 der 9100 Arbeitsplätze angekündigt und Kapazitäten im EU-Land Slowenien aufgebaut. Ford legt Teile seiner Motorenproduktion still und will seine Zukunft im Vereinigten Königreich ebenfalls „überdenken“. Der Chef von Peugeot Citroën und Opel Carlos Tavares, hat für den Falle eines harten Brexit den Abzug der Opel Astra Produktion aus dem Vauxhall-Werk Ellesmere Port und deren Verlagerung nach Südeuropa angekündigt.

Das Ende der Autoindustrie in Großbritannien, naht also mit großen Schritten. Ein „harter“ Brexit ohne Freihandelsabkommen mit der EU macht dem Automobil-Standort Großbritannien den Garaus. Gleichzeitig wird sich ein Teil der Finanzwelt aus England verabschieden. 1,3 Billionen Euro schätzt der Chef der europäischen Bankenaufsicht werden aus England abgezogen. Einfuhren werden teurer und ohne Abkommen werden Exporte schwieriger. Die Schätzungen gehen von „Desaster“ bei den Pessimisten bis „irgendwie wird’s schon gehen“, bei den Optimisten. Wirklich strahlend,wie Boris Johnson das glaubhaft machen will,sieht hier keiner die Zukunft.
Hier, an Englands geruhsamer Peripherie wie gesagt, wird
sich nicht viel ändern. Vielleicht wird der französische Wein im Supermarkt teurer und der Käse und die Oliven. Vielleicht kommen auch weniger Touristen vom Festland. Aber hier musste man sich immer schon mit etwas weniger begnügen.

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