Tschechows Gewehr

„Wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, wird im letzten Akt damit geschossen.“ Anton Tschechow, einer der wichtigsten Schriftsteller Russlands, meinte damit, dass in Bühnenstücken nichts Unnützes herumstehen soll, aber auch, dass das, was an Andeutungen und Hinweisen am Anfang steht, am Ende des Stückes auch zum Tragen kommt. Bei der 2. Inszenierung des Stücks: Regierungsbeauftragung des Wahlsiegers, gegeben in der Hofburg, am 7.10.2019, trat zuerst der weise alte Mann auf. Der weise alte Mann wies darauf hin, dass eines der vordringlichsten Probleme der Zukunft das Klima ist. Das Klima wird von vielen Laiendarstellern aber auch von vielen naiven Zuschauern immer noch mit dem Wetter verwechselt und deshalb nicht wirklich ernst genommen. Insofern ist dieses Statement des weisen alten Mannes im ersten Akt von Bedeutung. Er hat begriffen worum es geht und fast ein wenig verzweifelt, will er das mit Nachdruck zu Gehör bringen. Daneben steht der junge undurchsichtige Hauptdarsteller ohne jede Regung. Nur seine Augen, die den weisen alten Mann meist ein wenig mitleidig mustern, verraten etwas über ihn. Als er seinen Auftritt hat ignoriert er das, was der Alte sagt vollkommen und beginnt seinen Monolog mit dem eitlen Hinweis, dass er ja schon einmal die Macht in Händen hielt und das Schicksal ihn jetzt wieder auserwählt habe. Er bedankt sich auch artig, dass die Wähler ihm und nur ihm ihr Vertrauen schenken und schwenkt dann direkt zu seinem Hauptinteresse bzw. dem seiner Hintermänner: Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft ist sein Credo. Dann kommt gleich die Steuerentlastung. Gemeint ist die Entlastung der Konzerne und der Reichen, also das, was in der vorhergegangenen Aufführung schon begonnen wurde: Millionengeschenke an das Großkapital. Dann kommt – wie könnte es anders sein- die Migration. Der junge Hauptdarsteller weiß, dass Angst Gehorsam erzeugt, diese Taktik hat er schon einmal erfolgreich eingesetzt. Und dann – fast nebenbei – kommt der Hinweise, dass jetzt auch unpopuläre Reformen notwendig werden. Was damit gemeint ist, bleibt unklar und vorerst unbeantwortet im Raum stehen und niemand hat diesen, wie beiläufig vorgebrachten Satz, hinterfragt. Unpopuläre Maßnahmen heißt wortwörtlich, sie sind gegen den Populus gerichtet und Populus heißt lateinisch: das Volk. Im Gegensatz zur Nobilitias. Oder hat jemand geglaubt, dass unpopuläre Maßnahmen gegen die zehn Prozent der Reichen und Mächtigen in diesem Land gerichtet sind. Diese unpopulären Maßnahmen sind Tschechows Gewehr, es hängt an der Wand und es wird am Schluss abgefeuert. Und es ist vollkommen offensichtlich, auf wen im letzten Akt damit geschossen wird.

2 Gedanken zu „Tschechows Gewehr“

  1. Pauschale Drohung erzeugt Angst. Angst erzeugt (blinden) Gehorsam gegenüber dem der (vermeintliche) Lösungen bietet. Der (junge) Heiland vermittelt Seriosität und Erfolg. Am (vermeintlichen) Erfolg wollen die Ängstlichen (und vermeintlich Erfolglosen/Bedrohten) partizipieren – was dem Grunde nach ja nichts Verwerfliches an sich hat. Wer will nicht seine Existenz, sein Umfeld, etc. sichern und schützen?
    „ICH habe erfolgreich die ‚Balkan-Route‘ geschlossen“ bedient einfache, subjektive Sicherheitsbedürfnisse und solange keiner gegenteilig die Beweisführung antritt reicht das aus. Und für den „Pleb“ reicht das zur emotionalen Beruhigung. Für den (selbsternannten) Intellektuellen reicht es vielleicht nicht, aber er akzeptiert die normative Kraft des Faktischen – sprich: „is hoid so, wos kann denn i dafia, dass olle so deppad san?!“.
    Sinnbildlich tritt die von dir beschriebene Situation den Selbstbeweis an, dass es – auch nach Jahrhunderten philosophischer, humanistischer und technischer Errungenschaften – dem (vermeintlich) zivilisierten West-/Zentraleuropäer nicht gelungen ist, sich über primitivste Funktionalitäten seiner Existenzsicherung hinwegzusetzen.

    Der 1€-Burger (angerichtet von Mindestlohnkräften) ist mir näher als die selbst angerichtete Wurstsemmel (von mir aus selbst gemahlen, gezopft und gebacken); das Youtube-Video (des „Pro“) ist mir näher als die Bücher im Regal; der Ostdeutsche „Wutnickel“ hat eher mein Verständnis als der „Dunedrifter“ aus Syrien; der eloquente, junge Karrierist (sic), mit den Ohren des britischen Adels, sowie seine subtil dargestellte Bedrohungslage beherrschen eher mein Sittenbild als meine reale, tägliche Wahrnehmung… (beispielhaft und nicht meine persönliche Meinung darstellend)

    Pauschal formuliert: Ist es nicht zutiefst menschlich den „Weg des geringsten Widerstandes“ zu gehen? Sich mit einfachsten Informationen zufrieden zu geben? Sich den eigenen Emotionen hinzugeben, ohne jeglicher Selbstreflektion? Weil dann, sind wir mMn genau dort wo „wir“ gerade sind. Und bevor mein Kommentar sich in eine sozialistisches Wutposting wandelt: Ist es nicht zutiefst verständlich wie „der alte Mann“ handelt? Ist es nicht zutiefst verständlich wir sich der „junge, undurchsichtige Hauptdarsteller“ darstellt? Ist es nicht zutiefst nachvollziehbar wie sich die große, graue Masse der „Wähler“ hinter (vermeintlichen) Gemeinschaftsentscheidungen versteckt? Was wären die Alternativen? Auch die kommunizierte Selbstlosigkeit Einzelner würde sich erst Jahre oder Jahrzehnte messen lassen können. Und bis dahin gilt die Hoheit der Eloquenten und Manipulativen.

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