Impfzeugnis

 

Auf uns und in uns leben mehr Bakterien, Viren und Pilze als wir Körperzellen haben. Wir sind sozusagen das Substrat, das diesen Millionen und Abermillionen Lebensformen als Lebensgrundlage dient. Auf unserer Haut finden sich um die 180 verschiedene Bakterienarten und insgesamt leben rund 10 hoch 10 Bakterien auf unserer Hautoberfläche. Besonders in den Haarfolikeln tummeln sich jede Menge heimliche Bewohner. Neben unzähligen Bakterien auch die Haarbalgmilben. Haarbalgmilben  besiedeln jeden Menschen, aber auch Hunde und Katzen. Die winzigen Milben fressen Fett, Bakterien aber auch Cremereste und Schminke. Nach zwei Wochen Leben auf der Haut kehren sie an ihren Geburtsort, den Haarfollikel, zurück, wo sie sich paaren und gebären. Die neuen Milben wandern mit dem wachsenden Haar wieder auf die Hautoberfläche zurück. Ihre Existenz hilft das Gleichgewicht auf der Haut aufrechtzuerhalten, negative Folgen beim Menschen sind nicht bekannt. Besonders beliebte Wohngebiete für Bakterien – sozusagen Monaco für Einzeller – sind Zehenzwischenräume und Achselhöhlen. In unserem Darm lebt ungefähr ein Kilo Bakterien, und in unserem Mund erfreuen sich ungefähr 10 Milliarden Keime ihres Daseins.                                                                                                                                         Soweit so gut – keiner von uns wurde jemals von den Paarungsritualen der Haarbalgmilben auf seiner Kopfhaut aus dem Schlaf gerissen. Die Unzahl von Keimen an unseren Unterarmen lässt uns nicht wie schleimige Zombies aussehen und trotz der unanständig hohen Keimzahl in unserem Mund schmecken Küsse süß. Bakterien helfen uns dabei gesund zu bleiben. Sie verteidigen nämlich ihre Reviere aus purem Eigennutz und nur besonders gefährlichen Bakterien gelingt es diese Barriere zu durchbrechen und in tiefere Hautschichten einzudringen. Das Gleiche gilt für unseren Darm, wir leben mit Symbionten.                                                                                                                                 Andererseits gibt es eine erkleckliche Anzahl von Bakterien, Viren und Pilzen, die aus Bosheit oder Unwissenheit unseren Wunsch nach einem möglichst langen Erdendasein ignorieren und unsere physische Existenz innerhalb kürzester Zeit beenden. Wenn solche Keime, mit der Absicht in einem unserer Organe einen neuen Kanton zu gründen, angreifen und unser Immunsystem nicht vorgewarnt ist, findet sich unser Foto drei Tage später auf einem kleinen DIN A5 Faltprospekt, auch Totenbildchen genannt, der von unserem Abgang ins Elysium kündet.                                                                                          

Sie trachten uns nicht bewusst nach dem Leben, aber ihr Überleben ist mit unserem Überleben nicht vereinbar.

Wenn sie sich im Garten mit einem Rosendorn stechen, kann es zu einer kleinen Rötung oder lokal zu einer Eiterung kommen, je nach Anzahl der eingedrungenen Bakterien. Ihr Immunsystem wird aktiv und bekämpft die Bakterien und legt sich darüber hinaus ein Karteiblatt an, auf dem der Name und etwaige besondere Kennzeichen der Eindringlinge vermerkt sind. Es entsteht ein immunologisches Gedächtnis und beim nächsten Kontakt mit dem Keim kann er sofort gezielt mit Immunglobulinen – also hochspezifischen Waffen – bekämpft werden.
Manche Keime töten aber so rasch, vor allem wenn sehr viele von ihnen gleichzeitig in unseren Körper gelangen, dass dem Immunsystem weder Zeit für Verteidigung, geschweige denn für einen Karteieintrag bleibt. Sie bilden hochwirksame Giftstoffe wie das Tetanusbazillus oder unterlaufen das Immunsystem mit den unterschiedlichsten Tricks. Bei denen kommt es darauf an vorbereitet zu sein, darum legt unser Immunsystem so eine Verbrecherkartei an. In manchen Fällen ist unser Immunsystem aber auf die Mithilfe befreundeter Dienste angewiesen. Ähnlich wie internationale Polizeiorgane kriminaltechnische Verfahren und Fahndungshinweise untereinander austauschen, erhält unser Immunsystem Unterstützung durch eines der komplexesten Organe, die im uns bekannten Universum zur Verfügung stehen. Das ist unser Gehirn. Unser Gehirn hat den Zusammenhang zwischen Bakterien, Viren, Pilzen und Krankheiten erkannt und eine mächtige Gegenstrategie entwickelt: Die Impfung. Wir nehmen winzige Teile von Bakterien, oder ein paar Brösel einer Virushülle, die nicht infektiös ist und – nein natürlich nehmen wir keinen Rosendorn dazu – und konfrontieren unser Immunsystem damit, indem wir diese Partikel unter die Haut spritzen. Das wars. So einfach geht das. Wir ahmen die Natur nach, auf eine zugegebenermaßen simple Art, wir bringen unser Immunsystem dazu, das zu tun, was es sowieso jeden Tag tut. Aber wir zeigen ihm auch die Fotos von Verbrechern die es noch nicht kennt, mit denen aber im Laufe des Lebens zu rechnen ist. Und es funktioniert seit 220 Jahren. Im Jahr 1796 hat erstmals der englische Arzt Edward Jenner eine Impfung mit Kuhpocken durchgeführt und so dem Prinzip der modernen Impfungen zum Durchbruch verholfen. Man kann die Impfung zurecht als die erfolgreichste medizinische Maßnahme aller Zeiten nennen.
Nebenwirkungen?????
Ja, natürlich, aber so selten, dass es kaum der Rede wert ist. Bei einer Masernepidemie wie derzeit in Samoa, stirbt üblicherweise eines von tausend erkrankten Kindern. 70 Kinder sind auf Samoa in den letzten Wochen schon gestorben.                                                                            Bei der Masernimpfung kommt es bei einem von einer Million Kindern zu gefährlichen Nebenwirkungen. Nur verunsicherte und unwissende Menschen glauben, dass Impfungen die psychische Entwicklung eines Kindes beeinflussen oder ähnlichen Unfug. Das Erstaunliche ist, dass diesen bedauernswert Naiven mehr geglaubt wird als den Fachleuten. Vielleicht liegt das daran, dass das komplexeste System das es im uns bekannten Universum gibt, nicht bei allen gleich gut funktioniert.

https://de.wikipedia.org/wiki/Demodex_folliculorum

https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-12/samoa-masern-notstand-impfpflicht-kinder
https://www.gesundes-kind.de/wissenswertes/moegliche-nebenwirkungen/
https://www.addendum.org/impfen/pockenimpfung-erfolgsgeschichte/
https://de.wikisource.org/wiki/Untersuchungen_über_die_Ursachen_und_Wirkungen_der_Kuhpocken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s