Späte Einsicht

Verdammt, ich habe es verbockt. Jetzt hab ich 36 Jahre eine allgemeinmedizinische Praxis geführt und bin dabei nicht reich geworden. Ich hab in den ersten 8 Jahren meiner Tätigkeit Dauerdienst gehabt, war also 24 Stunden für mein Patienten erreichbar. Dann hat sich das durch das Organisationstalent von uns damals jungen Ärzten auf ein bis zwei Nachtdienste pro Woche und Bereitschaftsdienst jedes dritte, später jedes vierte Wochenende reduziert. Außer in der Urlaubszeit, da war es oft notwendig,  zwei Wochenenden hintereinander oder jedes zweite Wochenende von Samstag sieben Uhr bis Montag 7 Uhr Bereitschaftsdienst zu machen. Da war dann der Sommer immer rasch vorbei und ich habe nicht selten einen ganzen Monat ohne einen freien Tag durchgearbeitet. Ich hab nie gezählt, wie viele Nächte ich mir um die Ohren geschlagen habe, wie oft ich 2-3x in einer Nacht Visiten fuhr, wie oft ich mitten in der Nacht bei undurchdringlichem Nebel ein Haus irgendwo in den Hartkirchner Bergen oder in Haibach gesucht habe, um ein hochfieberndes Kind zu untersuchen oder einen Alten auf seinem letzten Weg zu begleiten. Ich hab mich nicht beklagt, als ich entdeckt habe, dass der Beruf des Arztes weit schlechter bezahlt ist, als man mir geschildert hat und hab mich damit getröstet, dass ich etwas wirklich Sinnvolles mache und das Geld ja nicht alles ist. Ich habe mich nicht beklagt, als im Laufe der Zeit, sämtliche Kosten, vom Personal bis zum notwendigen medizinischen Equipment immer teurer wurden, die Anpassung der Honorare  dem aber in keiner Weise entsprach. Ich hab mich nicht beklagt, als sämtliche Anlagekosten für EDV, Datenübertragung, ELGA und E- Card letztendlich auf uns Ärzte abgewälzt wurden und die monatlichen Kosten für all das schon dem Gehalt einer zusätzlichen Assistentin entsprachen, die ich zwar gebraucht hätte, mir aber nicht mehr leisten konnte. Ich habe stillschweigend zur Kenntnis genommen, dass mir am Anfang meiner Kassentätigkeit eine Abfertigung in Aussicht gestellt wurde, wenn ich den dereinst in Pension gehe, und dass diese Abfertigung irgendwann einfach gestrichen wurde. Ich habe meine Praxis nach dem gesetzlichen Pensionsantrittsalter noch fast ein Jahr weitergeführt, in der Hoffnung doch noch einen Nachfolger für meine Patienten zu finden. Hat leider nichts genützt.
Und dann muss ich heute in den Nachrichten vom neuen Chef der neuen Gesundheitskasse hören, dass die zwei Milliarden Defizit, die diese Institution in den nächsten 2 Jahren machen wird, durch die exorbitanten Honorarerhöhungen für mich und meinesgleichen verursacht sind. Dieser unerhörte Geldregen muss also im letzten Jahr knapp nach dem 1. April – da bin ich in Pension gegangen – auf die Ärzte niedergeprasselt sein. 2 Milliarden dividiert durch 45 000 Ärzte ergibt also exakt 44 444, 44 (periodisch) Euro. Die muss demnach jeder bekommen haben sonst gäbe es ja kein Defizit. Das entspricht einer Einkommenssteigerung um zumindest 20 %. Und grade da wo ich reich geworden wäre, muss ich Idiot meinen Laden zusperren. Sowas von ärgerlich….
Aber vielleicht stimmt das ja gar nicht. Könnte es sein, dass da wer lügt, dass sich die Balken biegen? Könnte es sein, dass wieder einmal die Ärzte zum Sündenbock gemacht werden, während sich ein paar vollkommen inkompetente Emporkömmlinge über unser Gesundheitssystem hermachen? Ich wette, schon übermorgen wird man eine Ambulanzgebühr einführen oder Leistungskürzungen diskutieren wollen. Die Lieferanten im Gesundheitssystem, also alle, die von der Wirtschaftskammer vertreten werden, wie Bandagisten, Großgerätelieferanten, Händler von Medizintechnik, Hersteller von Infusionen, Spritzen, etc. etc., die werden rasch die Preise erhöhen und das wird auch alles bezahlt werden. Alle anderen, inclusive Ärzte und Patienten werden durch die Finger schauen. Wenn mir nicht die Patienten am Herzen lägen, würde ich allen Ärzten raten, sofort die Verträge zu kündigen und mit diesen Leute keine gemeinsame Sache zu machen.

 

5 Gedanken zu „Späte Einsicht“

  1. Sie haben ja so recht – vor allem mit Ihren ersten Satz: Ja, Sie haben es verbockt!!!
    Wie kann man es sich sonst erklären, was für ein weltfremder, besserwisserischer, frustrierter Pessimist Sie geworden sind.
    Das Leben ist schön, genießen Sie es, solange Sie es noch können und schreiben Sie doch wieder mal etwas über Katzen.
    Liebe Grüsse
    Gerlinde Mager (Leistungsträgerin)

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    1. Ein Nachtrag: Selbstverständlich bin ich ein politisch denkender Mensch und sage was ich denke. Dabei bin ich ziemlich gut einzuordnen, genau wie Sie, werte Frau Mager. Kritik und Auseinandersetzung ist erwünscht und in der Demokratie unumgänglich. Gerade Sie, als ausgewiesene „Leistungsträgerin“ sollten aber, wenn Sie Kritik üben, zum Thema Stellung beziehen. Das fehlt eigentlich bei ihrer Wortmeldung. Was bleibt ist ein unqualifizierter, unrichtiger persönlicher Angriff. Dabei hätte ganz Österreich darauf gewartet, wie eine Leistungsträgerin die Demontage der solidarischen Versicherungen wahrnimmt. Also wenn Sie wieder einmal Ihre geschätzte Meinung in meinem Blog ausschütten, verbocken Sie es nicht wieder. Schreiben sie was zum Thema und nicht über mich, sonst könnte man zu der Ansicht gelangen, dass jene Eigenschaften die Sie mir unterstellen, nämlich, besserwisserisch, frustriert und weltfremd zu sein, eher auf Sie zutreffen.

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