Kleiner Grenzverkehr

Vor einigen Tagen wurden im Internet Videos über geschächtete Kälber im Libanon publiziert. Die Erregung war groß und natürlich standen die Ressentiments gegen das Schächten und denen, die es tun, in einigen Publikationen im Vordergrund: Seht so grausam sind sie, die Muslime. Im Gegenschnitt betroffene Bauerngesichter – nicht gerade mit Tränen in den Augen, aber immerhin ergriffen. Man tut so als ob die Bauern nicht wüssten, welcher Kreuzweg ihren süßen kleinen Kälbern bevorsteht, sobald sie den heimeligen Heumilchstall verlassen haben. Dabei ist es ganz einfach: Sie werden nach Spanien verfrachtet. Und dazu ist zu sagen, sie fliegen nicht, sie fahren auch nicht mit dem Zug. Sie werden auf Lastwagen in einer tagelangen qualvollen Fahrt nach Spanien gekarrt. In Mastbetrieben, die die EU subventioniert, werden sie bis zur Schlachtreife gefüttert und dann geht es unter mörderischen Bedingungen per Schiff ab nach Saudi-Arabien oder in den Libanon, wo sie halb irre vor Angst und Stress und obendrein halbverdurstet ankommen. Das Schächten ist Endpunkt und grausame Erlösung. Die Umstände, unter denen Tiertransporte durchgeführt werden, sind fürchterlich aber von EU Gesetzen gedeckt.
Einer der Gründe für Schlüssels Wahlerfolg 2002 war das Versprechen eines einheitlichen Tierschutzgesetzes. Da ist die Kronenzeitung damals aufgesprungen und hat Stimmung gemacht und das hat Stimmen gebracht. Die Behauptung, dass in der EU dadurch Druck aufgebaut werden könnte, um die Standards zu verbessern, war von Anfang an ein Schwindel. Nichts ist geschehen, außer dass nach wie vor ein Großteil des EU Budgets in die Landwirtschaftsförderung fließt, mit einer auf Kosten von Umwelt und Tieren gehenden Überproduktion, die in der dritten Welt verramscht wird und dort die Agrarproduktion ruiniert. Von wegen – der Markt bestimmt die Preise. Das ist schlicht und ergreifend eine Lüge. Dass wir Europäer deshalb mehr Fleisch essen sollen, damit der gute Bauer Josef sein Auskommen hat und das arme Kälbchen nicht mehr exportiert werden muss, ist natürlich genauso verlogen.
Wenn man an einem Samstag in Feldkirch in Vorarlberg in den Supermarkt einkaufen geht, kann es passieren, dass man an der Kasse viel Geduld braucht. Man denkt an Hamsterkäufe von wegen Corona oder so, aber nein, das Ehepaar vor mir, das mit zwei hochbepackten Einkaufswagen die ganze Partie aufhält, kommt aus der benachbarten Schweiz. Vor allem Lebensmittel und hier besonders Fleisch haben sie eingekauft. Fleisch, vom Schweizer Bauern, nach echten Marktpreisen, die die tatsächlichen Gestehungskosten widerspiegeln, kann mit geförderten EU Preisen nicht konkurrieren. Deshalb kommt es zum kleinen Grenzverkehr mit gut gefüllten Kofferräumen.

Und genau so, wie sie mit dem Vieh umspringt, die kapitalistische Marktwirtschaft, so springt sie mit Menschen um. Die Umstände, unter denen Flüchtlinge gerade an der türkisch- griechischen Grenze leben und leiden, wie sie niedergeknüppelt werden und mit Tränengas attackiert werden, dass kann man nur als bestialisch bezeichnen.

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