Die historische Dimension

Bei einer Diskussion im römischen Senat, zu Zeiten der römischen Republik, warnte ein konservativer Senator davor, den Samniten das römische Bürgerrecht zu geben. Sie würden dann überall sitzen und auf Kosten der Römer leben und nicht einmal im Theater hätte man dann Platz, war sein Argument, ganz abgesehen davon, dass man sie nicht verstehen würde.
Viele Jahre später  (im Jahr 48 n.Chr.) hielt der römische Kaiser Claudius, ein gebildeter Mann, der ein mehrbändiges Werk über die Geschichte der Etrusker verfasst hatte,  vor dem römischen Senat eine bemerkenswerte Rede. Claudius hatte beschlossen, den Senat durch gallische Senatoren zu ergänzen und damit eine Welle der Entrüstung unter den konservativen römischen Senatoren ausgelöst. Ihrer Ansicht nach waren die gallischen Römer, die zwar alle bürgerlichen und finanziellen Voraussetzungen für den Senatorenstand erfüllten, immer noch Fremde, halbe Barbaren und ihre Aufnahme in den Senat mache aus dem ehrwürdigen Gremium eine Versammlung von Ausländern (alienigenati).
Claudius Argumentation zieht eine historische Linie von der Stadtgründung Roms bis in seine eigene Zeit. Rom sei groß geworden, weil es von Beginn an Fremde und Ausländer integriert und ihnen sogar Macht übertragen habe. Bedeutende Männer, auch Könige, seien als Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Ausland gekommen. Sei es Tarquinius Priscus, Sohn einer Griechin und eines verarmten Etruskers oder der König Servius Tullius, der Sohn einer ausländischen Kriegsgefangenen war. Die Aufnahme der Gallier stehe mithin in bester historischer Tradition. Claudius hat sich, sehr zum Wohl des römischen Reiches, durchgesetzt. Die integrative Kraft des Römischen Gemeinwesens hat in der Folge eine der mächtigsten und fortschrittlichsten Zivilisationen der damaligen Zeit hervorgebracht.
Wie frustrierend ist es, wenn sich heute ein paar Halb-Intellektuelle, die vermeinen ein modernes Weltbild zu haben, aufplustern und Europa zur Sperrzone machen wollen. Wir fliegen auf Urlaub nach Asien und Australien und in den hintersten Winkel Afrikas, schicken Raketen mit Sonden zum Mars und auf die Rückseite des Mondes, lassen aber gleichzeitig zu, dass Demagogen es immer noch schaffen, Unterschiede zwischen Menschen zu formulieren, die es nicht gibt und damit Politik zu machen.
Leute, an denen zweitausend Jahre Geschichte, zweitausend Jahre menschliche Erfahrung offensichtlich spurlos vorübergegangen sind. Eine Partei bzw. eine Gesellschaft, die sich auf Prämissen wie Nächstenliebe und Solidarität beruft und diesem Anspruch uraltes Menschheitswissen wie „Liebe deinen nächsten wie dich selbst“ oder „Was du dem geringsten meiner Brüder tust, das hast du mir getan“ zu Grunde legt und dann nicht bereit ist, diese Prämissen auf alle Menschen anzuwenden, ist zutiefst unmoralisch und unglaubwürdig.
Von einer solchen Partei oder Gesellschaft ist auch keine Solidarität innerhalb der eigenen Reihen zu erwarten. Sie kann uns lediglich als abschreckendes Beispiel dienen und uns veranlassen vorsichtig zu sein. Denn was du dem geringsten meiner Brüder antust, das wirst du mir antun.
Der römische Kaiser Claudius steht mit seiner weltoffenen Haltung in den Geschichtsbüchern. Was wird über unsere Politiker einmal in den Geschichtsbüchern stehen? Dass sie beschränkte Kleingeister waren?

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