Ich möcht ein solchener Reiter werden…

………wie mein Vater einer war. Das war der einzige Satz, den ein etwa 16-jähriger Junge von sich gab, als er am 26. Mai im Jahre 1828 auf dem Unschlittplatz in Nürnberg aufgegriffen wurde. Niemand wusste, woher er kam. Er konnte kaum sprechen und kannte viele Dinge des Alltags nicht, die man ihm zeigte. Sein ganzes Benehmen deutete darauf hin, dass er jahrelang im Dunkeln gefangen war, ohne Kontakt zu Mitmenschen zu haben. Er ist unter dem Namen Kaspar Hauser in die Geschichte eingegangen. Spekulationen über seine Herkunft gab es genug, allerdings wurde keine davon je bestätigt.                                                                                                                                          Unsere Isolation soll vorerst bis Ostern dauern und sie ist bei weitem nicht so radikal, wie die des Kaspar Hauser. Trotzdem wird sie zumindest kurzfristig die Gesellschaft verändern, denn wir sind soziale Wesen. Evolutionär sind wir keine Einzelgänger. Wir brauchen diese Kontakte. Menschen, die isoliert sind, neigen zur Depression. Wenn man als Bezugssystem nur sich selbst oder ein paar Familienmitglieder hat, kann das schon ein wenig krisenhaft werden. Allerdings kommen bei uns, im Gegensatz zu Kaspar Hauser, die Medien und damit Informationen über die Außenwelt direkt ins Haus.
Darüber hinaus stellen wir vielfältige Kontakte über die sozialen Medien her, die derzeit zeigen können, wozu sie gut sind. Menschen, die sich in der Leistungsgesellschaft überlastet gefühlt haben, weil sie viel um die Ohren hatten und nun endlich etwas kürzertreten können, erleben die Isolation vorübergehend vielleicht sogar positiv.
Die Begründung dafür, dass diese Isolation eine Notwendigkeit ist, haben Wissenschaftler der Politik geliefert: Nur eine drastische Einschränkung der sozialen Kontakte kann eine Verbreitung des Virus verlangsamen. Es gibt dazu relativ genaue Berechnungen. China und Südkorea haben gezeigt, dass es sinnvoll ist. Allerdings, es gibt viel ältere Studien, die belegen, dass die Beschränkung der sozialen Kontakte Leben rettet: Jene US-amerikanischen Städte, die während der Spanischen Grippe im Jahr 1918 am wenigsten Opfer zu beklagen hatten, waren die, deren Bürgermeister sehr rasch Schulen schließen, Veranstaltungen absagen und Ausgangssperren verhängen ließen. In Philadelphia erkrankten sehr viel mehr Menschen als in St. Louis. Die eine Stadt beschloss soziale Distanzierungsmaßnahmen nur zwei Tage nach der ersten Erkrankung, die andere erst nach zwei Wochen.
Aber zurück zu Kaspar Hauser. Was wird die soziale Isolation bei uns bewirken? Lasst uns einmal fröhlich spekulieren auf Basis der jetzt entstehenden Zweckmäßigkeiten und Notwendigkeiten, wie könnte sich die Gesellschaft verändern. … Werden ein paar von den mehr als hunderttausend plötzlich arbeitslosen Österreichern ihre Kreativität entdecken und wir sehen dann eine aus der Isolation entstandene Secession. Menschen, die gar nicht mehr an ihren Arbeitsplatz zurückwollen, sondern Künstlerkolonien im Südburgenland gründen, Biolandwirtschaft betreiben und eine elysisches Landleben führen? Wird sowieso der Bauernstand wieder zu Ehren gelangen, weil vielen beim gemeinsamen Essen, das zum wichtigsten Ereignis des ganzen Tages wird, dämmert, dass Brot, Fleisch und Gemüse nicht im Keller des Supermarktes heranwächst? Wird es in der Disziplin Fernschach einen neuen österreichischen Meister geben? Wird knapp vor Ostern die elektronische Hostie eingeführt? Werden wir aussehen wie Mehlwürmer, wenn wir wieder ans Tageslicht dürfen? Werden die Geschlechtskrankheiten zurückgehen, da wieder mehr Heimarbeit angesagt ist, und daraus folgernd: Werden wir in neun Monaten einen Babyboom haben? Wird die  Anzahl der ermordeten Frauen abnehmen, weil sie derzeit ihre Männer sowieso nicht mehr verlassen können? Denkt die Regierung schon an eine Coronasteuer? Irgendwer muss das ja alles bezahlen und die Konzerne denken sicher daran, das nicht zu tun. Wird es danach genau so weitergehen wie bisher? Ich glaube schon… außer, die Menschen nutzen die Zeit der Isolation, darüber nachzudenken, wie die Welt wirklich sein sollte. Und vielleicht treffen viele für sich die Entscheidung, in Hinkunft nicht mehr alles tatenlos geschehen zu lassen, sondern sich aktiv zu beteiligen und sich in politische Entscheidungen einzubringen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.
Ich möcht ein solchener Reiter werden…..

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