Frühlingsspaziergang

Wir befinden uns also auf einem guten Weg in Österreich. Wir bleiben vorwiegend zuhause, halten Abstand, tragen Masken und erkennen uns beim Spaziergang nicht wieder, zumindest nicht auf den ersten Blick. Wenn man jetzt rausgeht, ist es ein wenig wie im Mittelalter. Ruhe und Stille allenthalben. Vor allem weit ab, in den Donauuferwäldern und auf dem Treppelweg am Flussufer bin ich zumindest ziemlich allein. Ein paar Radfahrer und der eine oder andere Fußgänger, der freundlich aber distanziert grüßt. Hat er die Pest ?
Am Wegrand, ein Rascheln im Laub. Erst nach längerem Hinsehen erkenne ich eine Smaragdeidechse, gut 30 cm lang. Ein kleiner Dinosaurier an der Donau. Sie verharrt vollkommen reglos, ihr Körper leuchtet in der Sonne wie ein grüner Edelstein. Ein Foto scheint schwierig. Aber sie ist kooperativ. Wie ein professionelles Fotomodel dreht sie den Kopf, hebt eine ihrer Pfoten und dreht sich hierhin und dorthin, als würde sie posieren und es gelingen ein paar gute Aufnahmen. Ein Buntspecht trommelt und hackt unbekümmert ein Loch in einen der vielen dürren Bäume. Es sind vorwiegend Eschen, deren verdorrte Stämme schon von weitem erkennbar sind, weil sie die Rinde bereits verloren haben und metallisch zwischen dem frischen Grün in der Nachmittagssonne glänzen. Verantwortlich für das Absterben der Esche ist ein Pilz – das „Falsche Weiße Stengelbecherchen“ (Hymenoscyphus fraxineus) – der vor etwa 20 Jahren aus Japan nach Europa eingeschleppt wurde. 2005 wurde der Krankheitserreger zum ersten Mal in Österreich nachgewiesen. Und jetzt gibt es fast keine gesunde Esche mehr in Österreich, zumindest nicht hier an der Donau. Eine seltsame Synchronizität, oder etwas Größeres, etwas das wir erst langsam begreifen? Auf der anderen Seite der Donau sieht man Kahlschlagflächen. Dort hat der Borkenkäfer gewütet. An und für sich sind Borkenkäfer ja Saisonarbeiter. Aber das Ausbleiben von Schnee und Frost ermöglichen, dass sie sich schon im Jänner ans Werk machen. Bei denen gibt es keine Arbeitslosen wie im Baugewerbe um diese Zeit. In so einer langen Saison kann man allerhand erledigen. Die Schäden, die sie anrichten, sind deshalb enorm. Dazu kommt die Trockenheit. 30 % weniger Regen  als im Vorjahr und das Vorjahr war schon trocken. Der erste Waldbrand wird gerade heute aus Niederösterreich gemeldet. Wird es wie in Australien?
Hundert Meter weiter sonnt sich eine Ringelnatter mitten auf dem Weg und macht nur langsam und unwillig Platz, mit einer nachgerade provokativen Langsamkeit, als wüsste sie schon etwas von dem ich noch nichts weiß. Die Donau fließt wie immer. Allerdings, der Wasserstand ist niedrig, das Wasser ist klarer als sonst. Der Mangel an Niederschlägen vermindert auch den Eintrag von Material. Elf Tonnen Schwebeteilchen sind normalerweise in einem Schnitt von einem Meter Breite quer über die Donau enthalten. Das macht das Wasser normalerweise trüb und schon in 3 Meter Tiefe wird es stockfinster, wenn man taucht. Ich hab es öfters  ausprobiert. Jetzt aber sieht man circa einen Meter tief. Ein paar kleine Fische tummeln sich am Ufer entlang. Ich beobachte sie eine Weile und versuche die Schatten in der Tiefe unter ihnen zu deuten. Die Tauchgänge in Südostasien fallen mir ein. Borneo. Ich erinnere mich, dass wir von Kota Kinabalu nach Semporna an der Sulawesi See stundenlang an Palmölplantagen entlangfuhren. Dort, wo vor einigen Jahren noch Primärwald war, wird radikal abgeholzt, um Öl für Kosmetika und Lebensmittel wie Nutella zu gewinnen. Die Zerstörung der Urwälder zwingt Menschen und wilde Tiere dazu, immer näher zusammenzurücken. Das ist nicht nur Ursache für Artensterben und Grenzkonflikten, es bewirkt auch die Selektion besonders anpassungsfähiger Individuen – auch bei den Mikroorganismen. Covid19 ist so entstanden und auch seine Übertragung auf den Menschen hat hier seinen Grund. Die globalen Reisemöglichkeiten haben nicht nur eine verheerende Ökobilanz, sie haben die Verbreitung des Virus extrem begünstigt. Wir erleben jetzt eine weltweite Krise, die uns alle Schwachpunkte der Systeme deutlich macht: der grenzenlose Kapitalismus und die wirtschaftliche Globalisierung verursachen Ungerechtigkeit und Leid. Ausbeutung und Habgier dominieren unter dem Mäntelchen von Wachstum und Fortschritt. Das betrifft die indischen Wanderarbeiter, die vertriebenen Stämme in Borneo und die Orang Utans. Aber inzwischen genauso unsere eigene Umwelt und ziemlich alle systemrelevanten Berufe unserer Gesellschaft! Auch diesmal trifft es zuerst die Kleinsten und Schwächsten auf dieser Welt. Aber es trifft sie nur zuerst…

Ein Gedanke zu “Frühlingsspaziergang”

  1. Lieber Alfred Wassermair, ich danke dir für diesen wunderbaren Post, der nicht nur die Natur in seiner ursprünglichen Schönheit dokumentiert, sondern auch des Menschen Werk. Leider. Und so ist es im Moment so, wie es ist: wir haben ohne vernehmbares Aufmucken alles stillschweigend hingenommen.
    Werden wir es jetzt ändern?
    Wieviel Leid muss noch kommen, damit wir endlich aufwachen?
    Deswegen sind deine Kommentare so wichtig.
    Danke dafür, Ingrid

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