Ausrottung

Im November des Jahres 1999 verbrachte ich zwei Wochen in Ägypten. Gemeinsam mit Freunden war ich südlich der Küstenstadt Kusair auf einer Tauchbasis am Roten Meer. Wir hatten damals die einzigartige Gelegenheit unter Wasser einem Tier zu begegnen, das die meisten Menschen noch nie gesehen haben und wahrscheinlich auch nie mehr zu Gesicht bekommen werden. Denn dieses Tier ist nur noch mit ein paar zehntausend Exemplaren in den Ozeanen dieser Welt vertreten. Der wissenschaftliche Name dieser Säugetierspezies ist Dugong dugong und sie ist die einzige Vertreterin der Familie Dugongidae, der Gabelschwanzseekühe aus der Ordnung Sirenia. Ihre Verwandtschaft besteht aus einer einzigen Familie, den Trichaetidae, den Rundschwanzseekühen oder Manatis, die aber auch vom Aussterben bedroht sind. Die Stellersche Seekuh, die dritte Familie der Sirenen, wurde 1741 auf den Kommandeurinseln im Beringmeer entdeckt und war bereits 25 Jahre später ausgerottet – und ausgerottet heißt ausgerottet. Sie hatte wohlschmeckendes Fleisch, ist in den entsprechenden Publikationen vermerkt. Die Seekühe sind dafür bekannt, dass sie ihre Jungen wie Menschenmütter zwischen ihren Vorderflossen halten und sie beim Stillen an die Brust drücken. Das hat die Seemänner früherer Zeiten an Meerjungfrauen erinnert, was der Grund für die Entstehung einer Vielzahl von Legenden rund um die „Sirenen“ sein dürfte. Das hat die Menschen aber nicht daran gehindert, sie zu erschießen und aufzufressen. Ich erinnere mich lebhaft an das Glück des Augenblicks, als diese Seekuh in zwanzig Metern Tiefe direkt neben mir friedlich eine Seegraswiese abweidete. Ein Foto dieser beeindruckenden Begegnung hängt bis heute in meinem Sprechzimmer. Ob die Seekuh dieses Jahrhundert überlebt ist fraglich. Die Meere sind inzwischen in einem unglaublichen Ausmaß verschmutzt. Ob in Sulawesi, in Papua Neuguinea, auf Borneo, auf den Philippinen oder auf den Inseln Sao Tome und Principe westlich von Afrika – überall, wo man unter Wasser geht findet man Abfälle; vorwiegend aus Plastik oder dutzende verendete Haie, denen japanische Fischer bei lebendigem Leibe die Flossen abgetrennt haben.

Fraglich ist auch, ob die indigenen Völker am brasilianischen Amazonas dieses Jahrhundert überleben werden. Derzeit sind nicht nur riesige Abholzungen und Waldbrände, die nicht mehr gelöscht werden können, eine Bedrohung für sie. Zusätzlich breitet sich das Coronavirus unter ihnen offensichtlich rasend schnell aus. Und illegale Holzfäller, die immer weiter in den Urwald vordringen, jagen und erschießen sie wie wilde Tiere.
Während man Russland nach der Annexion der Krim, auf Geheiß Amerikas, mit langjährigen Sanktionen vor einer gedeihlichen Zusammenarbeit mit Europa fernhalten will, gibt es für die unmenschliche Politik des Jair Bolsonaro in Brasilien keine Konsequenzen. Die Welt sieht zu, wie dieser Kretin die Mörderbanden der Holz- und Sojaindustrie in den Urwäldern gewähren lässt. Russland hatte einen guten Grund, die Krim „heim ins Reich“ zu holen. Russland hat dort den einzigen eisfreien Hafen, von dem aus eine Flotte handlungsfähig bleibt. Nachdem Russland inzwischen von der Nato vollkommen eingekreist wurde, kann man zumindest nachvollziehen, dass das eine wehrpolitische Notwendigkeit war. In Brasilien wird auf einer Fläche so groß wie Deutschland Soja angebaut. 20 % der Weltproduktion an Pestiziden werden dort ausgebracht. Eine Elite, zu der Bolsonaro gehört, wird unermesslich reich, während die Landbevölkerung vertrieben oder als billige Arbeitskräfte für vorwiegend ausländische Agrarkonzerne* ausgebeutet wird. Der Völkermord an den Indigenen, der unter Bolsonaro ungehemmt stattfindet, wird international kaum wahrgenommen beziehungsweise totgeschwiegen. Denn die ganze Welt kauft Soja aus Brasilien. Österreich importiert 550 000 Tonnen Soja. China nimm den Brasilianern 90 Millionen Tonnen ab. Unzählige multinationale Konzerne verdienen Unsummen an der Zerstörung der Urwälder durch Sojaanbau, Viehzucht oder Bergbau, der sich ohne Rücksicht immer weiter durch eines der wichtigsten Biotope der Welt frisst. Niemand protestiert, niemand verhängt Sanktionen. Wir alle essen Fleisch, das mit brasilianischem Soja produziert wird. Ein Kilo Fleisch braucht ca. 11 Kilo Soja. Wir unterstützen mit unserem Konsumverhalten die Ausrottung der Indigenen und die Vernichtung des Regenwaldes. Wir werden dafür eine Rechnung bekommen.

https://www.derstandard.at/story/2000053818820/fuer-ein-kilo-fleisch-verfuettern-wir-15-kilo-soja

https://www.topagrar.com/markt/news/handelsstreit-china-kauft-brasiliens-sojamarkt-leer-11803435.html

Soja-Anbau in Brasilien

Weiterer Volkswagen-Skandal: Zwangsarbeit und Folter auf Rinderfarm in Brasilien

https://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/sendung/brasilien-zwangsarbeit-100.html

*https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_gr%C3%B6%C3%9Ften_Unternehmen_in_Brasilien (Wenn man in dieser Liste mit dem Kursor auf den Namen der Firma geht wird angezeigt wer dahinter steht.)

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