Zur Kulturnation Österreich

Die Österreicher haben den Begriff „Kulturnation“ quasi für sich gepachtet und verwenden ihn auch ziemlich extensiv.  Jeder der den Namen Wolfgang Amadeus Mozart ohne Fehler schreiben kann, fühlt sich als bedeutender Teil dieser Kulturnation und verwendet den Begriff halbbewusst auch zur Abgrenzung gegenüber anderen Nationen mit Allem, was implizit damit zum Ausdruck kommt. Zu verdanken haben wir das in erster Linie einem beträchtlichen und vermutlich  einzigartigen Kulturerbe aus den letzten Jahrhunderten und dem  Bemühen zahlloser österreichischer Künstler und Kulturschaffender der Gegenwart. Aber Kultur ist nicht einfach da und man kann auch nicht ewig von einer Erbschaft zehren. Um Kultur muss sich jemand kümmern. Das sind in erster Linie Künstler und die, die sich für Kultur und Kunst in ihrer ganzen Breite engagieren. Kultur ist gut und schön, aber Künstler werden in Österreich vielfach als störend empfunden. Für Österreich gilt: Nur ein toter Künstler ist ein guter Künstler. Ich darf an Thomas Bernhard und sein Stück Heldenplatz erinnern, gegen das sämtliche im Parlament vertretene Parteien gemeinsam mit der Kronenzeitung eine Front der Ablehnung bildeten. Herr Strache hat bei der Uraufführung persönlich vom Balkon des Burgtheaters heruntergekeppelt.  Oder wie sehr ein Hermann Nitsch anfangs diffamiert und wegen seiner Kunst drei mal verhaftet und mehrere Wochen eingesperrt wurde. Oder Günter Brus, der 1970 wegen „Herabwürdigung der österreichischen Staatssymbole“ zu sechs Monate verschärftem Arrest verurteilt wurde. Wir haben in den letzten Monaten erleben können, wie viel die Kultur und die Kulturschaffenden dem österreichischen Staat wert sind. Ohne entsprechenden Druck wären sie vermutlich leer ausgegangen. Sie waren die Letzten, die von den Milliarden, die der Staat zur Bewältigung der Krise verteilte, etwas abbekommen haben. An der ignoranten Haltung der Regierung zum Thema Kunst und Kultur ist Lunacek gescheitert und wohl auch zum Sündenbock gestempelt worden. Jetzt soll es ja besser werden, jetzt kriegen auch die Künstler bis zu 6000 Euro.  Ein Freund von mir hat in Wien einen Blumenladen. Während der Krise war die Miete zu zahlen aber das Geschäft geschlossen. Er ist der Not gehorchend auf die Idee gekommen, dass es vielleicht attraktiv wäre, wenn ein waschechter Opernsänger oder eine Sängerin der Oma einen Blumenstrauß zum Geburtstag überbringt und eine Arie dazu singt. Mit gebührenden Abstand natürlich. Da es während des lock down jede Menge beschäftigungslose und deshalb unbezahlte Opernsänger gab, war die Idee,  zumindest was die Bereitschaft der Sänger betraf, ein Erfolg. Um einen Preis zwischen  95 und 130 Euro kommen die Opernsänger/innen  ins Haus und singen, bevor sie die Blumen überreichen, eine Arie nach Wahl. Etwa 50 Euro bekommt der Sänger, der Rest geht für Blumen, Vermittlungsgebühr der Agentur und Transport drauf. Das ist Kultur wert, so viel wie 2 günstige Polohemden aus dem fernen Osten bei H&M.  Trotzdem ist das hilfreich für die Künstler und eine gute Idee. Dafür werden die Kosten für Kurzarbeit in einem Glücksspielkonzern vom Staat übernommen, während sich der Besitzer, ein mehrfacher Milliardär, im Anschluss 50 Millionen Euro Dividende auf sein Konto überweist. Der Gutteil des Kulturbudgets von Oberösterreich fließt nach Mattighofen in die Mopedausstellungshalle von KTM, während den Kulturvereinen das Geld im selben Maß gekürzt wird. Dazu kommt, dass die türkis-blaue Landesregierung bei größeren Förderprojekten einen Landtagsbeschluss umgeht, indem sie eine unverbindliche Förderzusage macht. Die Kulturdirektion muss dann zwar im Jahresabschluss angeben wie hoch die Summe unverbindlich zugesagter Fördermittel ist (zuletzt 23,1 Millionen Euro), um welche Projekte es geht, also wer diese Fördermittel bekommt, dürfen aber nicht einmal die Landtagsabgeordneten erfahren. Das unterliegt dem Datenschutz. * Mitverantwortlich dafür sind Politiker, die sich üblicherweise an einen Teil ihres jungen Lebens nicht erinnern können, vor allem wenn es um politisch heikle Dinge geht. Auch an die Kultur können sie sich nur am Opernball erinnern oder wenn man sie für den Fremdenverkehr werbewirksam verbraten kann.  Das gleiche Desinteresse gilt den zahllosen Kulturvereinen und ihren Mitglieder, die  zum Teil mit  enormem persönlichem Aufwand Kultur ermöglichen und vor allem im ländlichen Raum Künstlern Auftrittsmöglichkeiten bieten. Sie sind immer auf ein mageres Kulturbudget der Gemeinden angewiesen und letztlich auf Gedeih und Verderb den politischen Parteien und deren Wohlwollen ausgeliefert. Und Wohlwollen setzt Wohlverhalten voraus. Eigentlich müsste man vielen Politikern sagen : Steckt euch euer Kulturbewusstsein an den Steirerhut, am besten zwischen Gamsbart und Parteiabzeichen. Da kommt es vortrefflich zur Wirkung.

https://orf.at/stories/3088162/

http://www.rosenrot-blumen.at

*Kronenzeitung 5.Juli 2020, Mauerbau im Landhaus

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