Die Verwandtschaft, die Wahl- Verwandtschaft und die Haberer

Wer sich an den Geschichtsunterricht über das römische Reich erinnert, hat wohl nie vergessen, dass es vollkommen unmöglich war, die Familien- und Verwandtschaftsverhältnisse des Kaisers Augustus im Kopf zu behalten. Wer wessen Kind, wessen Enkel und wessen zweite Frau war, welches der Kinder gestorben, verheiratet oder verbannt war ließ sich nur anhand komplizierter Diagramme erschließen. Die Macht wurde in der weit verzweigten Julisch-Claudischen Familie weitergereicht und jedes Familienmitglied profitierte mehr oder weniger davon, Teil dieses Systems zu sein, das den Staat beherrschte. Man nennt solche Verhältnisse Nepotismus oder Vetternwirtschaft.                                                                                                 

Berühmt war auch die Vetternwirtschaft der Päpste vom 15. bis zum 17. Jahrhundert, als den päpstlichen Verwandten ganze Teilgebiete des Kirchenstaats zu Lehen  gegeben wurden, um eigene Fürstentümer zu errichten.                                                                                                                            

Als Vetternwirtschaft wurde gesehen, dass der US Präsident John F. Kennedy seinen Bruder Robert F. Kennedy 1960 als Justizminister in sein Kabinett aufnahm. Eine solche Ernennung gab es in der amerikanischen Geschichte weder zuvor noch danach. Nach Kennedys Präsidentschaft wurde die Vetternwirtschaft in den USA gesetzlich verboten. Bei Ämtervergaben dürfen keine nahen Verwandten berücksichtigt werden. Das ließ aber Präsident  Donald Trump kalt. Er ernannte 2016 seine Tochter Ivanka Trump zur Beraterin im Weißen Haus sowie seinen Schwiegersohn Jared Kushner zum Chefberater mit einer Reihe von Sonderfunktionen.                                                              

Der türkische Präsident Recep Tayyid Erdogan ernannte 2016 seinen Schwiegersohn Berat Albayrak  zum Finanzminister.                                  

Der österreichische Vizekanzler Heinz Christian Strache ernannte 2018 seine Ehefrau Philippa Strache zur Tierschutzbeauftragten seiner Partei. Ein Job, der mit einem ansehnlichen Gehalt von 9500 Euro einherging, das sie offiziell aber als Sozial Media Beauftragte der Partei erhielt.                                                

Somit wären wir also bei den etwas kleinteiligeren Verhältnissen in  Österreich. Aber auch hier müsste man sich inzwischen  eines Diagrammes bedienen um die vielfältigen Verflechtungen in und um die   türkise Regierungspartei übersichtlich darzustellen. Klar ist nur nicht, wo man als Chronist solcher Verhältnisse anfangen soll.  Werden diese Beziehungen schon in der Schülerunion oder der jungen ÖVP beim Punktesammeln gefestigt, wie die 2018 aufgetauchten Listen mit  Punktevergabe für „Schmusen“ und „Pempan“ anzudeuten scheinen?*1)                                                                                         

War demnach die Reise des Sebastian Kurz im Geilomobil seinerzeit ein dezenter Hinweis auf diese Liste und deren langfristige Auswirkung auf etwaige Postenvergaben? Nun wir wissen es nicht und darum wollen wir uns nicht in böswilligen Spekulationen ergehen. Tatsache ist, dass Sebastian Kurz eine beträchtliche Anzahl Vertrauter aus der jungen ÖVP um sich geschart hat. Aber schauen wir uns einmal die Gegenwart an und ich beginne ganz willkürlich mit der Gattin des Innenministers, Katharina Nehammer. Sie war bereits bei Ex-ÖVP-Innenminister Wolfgang Sobotka als Sprecherin und Kabinettsmitglied tätig. Davor war sie für den Bundesminister für Europa, Integration und Äußeres, also für Sebastian Kurz im Einsatz. Jetzt ist sie stellvertretende Chefin in  Klaudia Tanners Kabinett, der vorherigen Direktorin des niederösterreichischen Bauernbundes, die jetzt Verteidigungsministerin ist. Sie hat die Politik unter anderem im Kabinett von Innenminister Ernst Strasser, der wegen Korruption verurteilt wurde kennengelernt. Ab 2003 arbeitete sie im „Cooperation Management“ der Kapsch Business Com, wo sie für das „Beziehungsmanagement des Unternehmens zu Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft“ verantwortlich war.   (Was das wohl bedeutet?)   Klaudia Tanner ist die Schwägerin von Stefan Steiner. Steiner gilt als einer der wichtigsten Berater von Sebastian Kurz. Sein ÖVP-naher Bruder ist Thomas Steiner, der wie sein Bruder im Kabinett Fekter zur selben Zeit wie Sebastian Kurz tätig und bis Mai 2019 Geschäftsführer der Bundesfinanzagentur   war und seither einer der Direktoren der  Österreichischen Nationalbank ist.  Ja und da, im Innenministerium,  gibt es noch ein seltsames Verwandtschaftsverhältnis: Tina Liebich-Oswald, ist die Großnichte des Novomatic-Chef Johannes Graf und zusätzlich Ehefrau des Vorsitzenden des Aufsichtsrats der Novomatic AG, Bernd Oswald. Frau Liebich-Oswald ist Staatsanwältin und im Kabinett Nehammer  als Fachreferentin tätig gewesen. Sie hat von ihrem Großonkel einen Millionenbetrag geschenkt bekommen, warum oder wofür ist bis dato unklar. In anderen Worten: Eine private Profiteurin von Herrn Grafs Geldflüssen bekleidet ausgerechnet in jenem Ministerium eine einflussreiche Position, in dem auch die „Sonderkommission Ibiza“ residiert, in der gegebenenfalls gegen den Novomatic-Eigentümer ermittelt wird. Auch bei den Treffen zwischen Sobotka und Graf, an die sich Sobotka so nicht mehr erinnern kann war Tina Oswald mit dabei, das geht aus Grafs Terminkalender, der beschlagnahmt wurde hervor. Aber auch daran kann sich Sobotka nicht erinnern. Das Alois Mock Institut, das Sobotka gegründet hat, arbeitet aber intensiv mit Novomatic zusammen und viele Inserate im Report des Institutes wurden von Novomatic bezahlt. Die  Veranstaltungen des Mock Institutes fanden im Novomatic Forum statt. Und wenn Sobotka an all das die Erinnerung fehlt, dann kann man mit Sebastian  Kurz eigenen Worten nur fragen: Sie haben doch ein eigenes Hirn, Herr Sobotka?                       

Apropos Kurz: Seine langjährige persönliche Assistentin und Sekretärin ist Lisa Maria Wieser. Sie ist mit Lucca Matteo Wieser verheiratet. Der ist Besitzer der Firma Palmers. Er hat ein paar Tage vor dem durch Kurz veranlassten Corona lock down gemeinsam mit der Lenzing AG die Firma Hygiene Austria gegründet. Die produziert Gesichtsmasken zum Schutz vor Corona und hat inzwischen an die 12 Millionen Stück davon verkauft. Das Geschäft entwickelt sich steil nach oben und inzwischen hat die Firma offensichtlich auch schon einen Staatsauftrag ergattert. Welch ein Zufall. Um Kurz gibt es neben etlichen bekannten Figuren noch jemanden der ihm ziemlich  nahesteht. Er war Mitglied in Kurzens von Antonella Mei -Pochtler, die die Wirtschaftswoche als Schattenkanzlerin bezeichnet,  geleiteten  Think tank „Think Austria“*4). Er ist laut Kurz einer der besten Manager im Digitalbereich und heißt Markus Braun. Als Chef der Firma wirecard hat er Sebastians Wahlkampf mit 70 000 Euro unterstützt und Kurz hat sich mit ihm, laut eigener Aussage regelmäßig zum Gedankenaustausch getroffen.* Leider ist er derzeit in Haft und wird wegen gewerbsmäßigem Bandenbetrug mit einer Schadenssumme von 3,2 Milliarden Euro angeklagt. Somit ist er jetzt womöglich  einer der erfolgreichsten Betrüger im Digitalbereich. Natürlich gilt noch die Unschuldsvermutung. Auch zu anderen Mitgliedern seiner Beratertruppe hat Sebastian Kurz ein enges, fast familiäres Verhältnis. Zum Beispiel zu Berhard Bonelli, der seine Reden schreibt und jetzt sein Kabinettschef ist. Besagter Bonelli hat enge Kontakte zum Opus Dei  und Sebastian ist sein Jugendfreund und Trauzeuge.*3) Vielleicht können sie ja jetzt gemeinsam für Markus Brauns Seelenheil  beten.

*1)https://www.derstandard.at/story/2000075796859/punktesammeln-fuer-sex-mit-funktionaeren-bei-schuelerunion

*2)https://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXVII/J/J_02023/fnameorig_797903.html

https://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXVII/J/J_02023/index.shtml

https://www.derstandard.at/story/2000117324466/von-schenkern-und-beschenkten

*3) https://alfredwassermair.wordpress.com/2019/05/25/der-mann-vom-opus-dei/

*4)https://www.addendum.org/politometer/tuerkise-ministerkabinette/

https://kontrast.at/kanzleramt-posten-ohne-ausschreibung/

*Profil 26.7.2020 Weggefährten

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s