Wer sind die Migranten?

Was ist der Grund, dass man seine Heimat verlässt? Wer würde freiwillig sein Zuhause und alles, was er sich dort geschaffen hat, alle Freunde, Verwandtschaft und Familie verlassen, um eine lebensgefährliche Flucht  in eine unsichere Zukunft anzutreten? Ich und viele  meiner Kollegen hatten in den letzten Jahren Gelegenheit „Menschen mit Migrationshintergrund“ kennen zu lernen und sie alle sind in erster Linie Menschen. Einige dieser Menschen, denen ich berufsbedingt begegnet bin, haben mir ihre Geschichte erzählt. Aus Gründen des Datenschutzes nenne ich keine Namen, auch die Ortsangaben wurden geändert.

A:     Sein  Vater ist Polizeibeamter in Kabul. Er wurde von Abgesandten eines Drogenbarons „um einen Gefallen“ gebeten. Er sollte gegen ein entsprechendes Bakschisch  dafür sorgen, dass die Bande Informationen über die Militärposten an den Straßen und die Aktivitäten der afghanischen Antidrogenbehörde bekommt. Die Drogenbanden schmuggeln nämlich  ihre Ware nach Persien irgendwo über die 1000 Kilometer lange Grenze. Viele hundert Tonnen jedes Jahr. Allein in Persien gibt es 3,5 Millionen Abhängige und über Persien kommen Opium und Heroin nach Europa. Er hat das dezidiert verweigert. Auch auf die Drohung hin, dass man ihn oder seinen ältesten Sohn umbringen würde, hat er nicht mitgespielt. A. ist der älteste Sohn. Zum Zeitpunkt des Geschehens war er sechzehn und besuchte eine Schule in Kabul. Eines späten Abends, als A. von einem Bekannten nach Hause ging, hörte er hinter sich ein Auto, das ihm offensichtlich folgte. Sein Vater hatte ihn gewarnt vorsichtig zu sein. Darum begann er zu laufen, er wollte in die nächste Seitengasse entkommen. Eine Salve aus einem AK 47 streckte ihn nieder. Er hat 5 Kugeln abbekommen. Zwei ganz knapp links von der Wirbelsäule, die den Darm zerfetzten und durch die Bauchdecke austraten. Je eine durchschlug den linken Ober –  und  den linken Unterarm, eine steckte in seinem rechten Oberschenkel. Nachbarn brachten ihn ins Krankenhaus, wo er Monate verbrachte und er überlebte wie durch ein Wunder. Sein Vater wurde weiter bedroht und er hat alles Geld zusammengekratzt, damit  A. das Land verlassen konnte, denn die Täter hatten erfahren, dass er noch lebt und halbe Sachen mag man dort schon aus didaktischen Gründen nicht.

M:   M. ist ein höflicher kleiner Mann.  Er war Handwerker in einem Dorf im Süden von Kabul. M. hat zwei Töchter. Sie sind zwölf und fünfzehn Jahre alt, hübsch und blitzgescheit. Er hat den Krieg  mit Russland erlebt, die Herrschaft der Taliban und den Krieg der Amerikaner und Europäer gegen die Taliban.  Und die Zeit danach war nicht besser. Die Taliban waren im Untergrund, überfielen Dörfer  und zündeten die Schulen an, auch die Schule, die seine Töchter besuchten. Er liebt seine Töchter und er will nicht, dass sie ein Sklavenleben führen müssen wie die meisten Frauen in Afghanistans ländlichen Gebieten.  Vor allem will er nicht, dass seine fröhlichen kleinen Mädchen den Taliban in die Hände fallen. M. ist ein einfacher Mann mit nur geringer Schulbildung. Aber ab einem gewissen Zeitpunkt wurde ihm bewusst, dass sich die Situation nicht ändern würde. Und wenn seine Töchter ein Leben in Freiheit führen sollten, dann musste er handeln.  Er verkaufte alles, was er hatte.  Mit dem Erlös und dem wenigen Ersparten trat er mit der ganzen Familie die Reise ins Ungewisse an und schaffte es tatsächlich bis Österreich. Die älteste Tochter lernte innerhalb weniger Monate soweit Deutsch, dass sie als Dolmetscherin mit anderen Flüchtlingen in meine Sprechstunde kam. Die Mädchen haben rasch österreichische Freundinnen und sind in Nullkommanix nicht mehr von denen zu unterscheiden, außer durch das Kopftuch, das sie tragen. Aber auch da gibt es eine Lösung. Anlässlich einer Blutuntersuchung wird bei der Älteren ein gravierender Vitamin D Mangel festgestellt. Ich erkläre ihr, dass kommt von zu wenig Sonne auf der Haut, von wegen langer Ärmel und Kopftuch und auch weil Winter ist. Ein Moment gespannter Konzentration folgt. Dann hat sie die Lösung: Können Sie mir das bestätigen?  10 Tage später kommt sie ohne Kopftuch. Sie hat bei der islamischen Kultusgemeinde in Österreich eine Befreiung vom Tragen des Kopftuches aus Gesundheitsgründen erwirkt.

O:  O. ist in Teheran geboren und aufgewachsen.  O. ist homosexuell. Auf Homosexualität steht in Persien die Todesstrafe. Alles was er seit dem Erkennen seiner Veranlagung und der Flucht aus Persien in diesem Zusammenhang erlebt hat, kann man nur als Horror bezeichnen. Natürlich gibt es versteckt und ständig von den Revolutionswächtern verfolgt eine homosexuelle Szene in Persien. Aber auf Grund der Todesstrafe ist der Umgang damit höchst gefährlich. Und obwohl viele Menschen in Persien genau so aufgeklärt und laizistisch denken wie wir, traut sich niemand für Homosexuelle Partei zu ergreifen. Wenn jemand erwischt wird, drohen Haft, Stockschläge und Todesstrafe oder Zwangsoperation. Die Mullahs sind der Überzeugung, dass in schwulen Männern eine weibliche Seele wohnt. Deshalb werden an die 4000 Zwangsoperationen jährlich durchgeführt. Das heißt, es wird gegen den Willen der Männer eine operative Geschlechtsumwandlung durchgeführt. Die Mullahs wissen, dass die Welt zusieht. 4000 Todesurteile wären kein Renommee für den Islamischen Staat. Deshalb lassen sie sich die Operationen was kosten.  Als  O. in seiner Verzweiflung auch noch ein Drogenproblem bekommt, steht er auf der Todesliste der Sittenwächter, denn auf den Besitz auch kleinster Mengen von Drogen stand bis 2017 im Iran ebenfalls die Todesstrafe. Auch er machte sich auf den Weg in die Freiheit und ist nach unsäglichen Strapazen und Rückschlägen in Österreich gelandet. Er muss allerdings erst beweisen, dass er homosexuell ist. Wie? Das haben ihm die österreichischen Behörden noch nicht gesagt.

Diese drei mir persönlich bekannten Schicksale stehen für viele andere, die aus ähnliche Gründen ihre Heimat verlassen mussten. Wenn wir nicht helfen, wer dann?

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