Das Orakel

Wie jedes Jahr um diese Zeit habe ich per Fernabfrage das Orakel in Delphi konsultiert. Die Zukunft lässt mich nicht kalt, vielleicht auch darum, weil es draußen Plusgrade hat. (Genau fünf Grad über Null zeigt das Thermometer vor dem Fenster meines Gemaches und das ist ein schlechtes Omen am 1. Jänner.                                                                

Wie ihr wisst, entstand das Heiligtum in Delphi dadurch, dass  Zeus zwei Adler von je einem Ende der Welt fliegen ließ, die sich in Delphi trafen. Seither gilt dieser Ort als Mittelpunkt der Erde. Die Erdmutter Gaia vereinigte sich dort der Sage nach mit dem Schlamm aus den Lagern von Moria, das sich  im Landesinneren der ostägäischen Insel Lesbos nahe der Ortschaft Moria  befand und dem Schlamm von Kara Tepe, was so viel bedeutet wie schwarzer Hügel. Den hatte der Rat der Weisen dazu bestimmt,  besonders gefährdete und verletzbare Flüchtlinge, wie etwa alleinstehende Frauen, Familien sowie traumatisierte oder verletzte Menschen, die zuvor im Schlamm von Moria hausten, aufzunehmen und ihn ebenfalls mit  reichlich Schlamm ausgestattet, auf dass sie sich wohl fühlen sollten. Dieser Schlamm, der nach dem Ende des goldenen Zeitalters von der Welt übrig blieb, führte bei der Erdmutter Gaia zu einer Genmutation und sie gebar die geflügelte Schlange Python. Python hatte hellseherische Fähigkeiten und lebte an dem Ort, der Delphi hieß. Der Python wurde später von Apollon getötet, wodurch sich seine weissagerischen Fähigkeiten auf den Ort übertrugen. Aber das ist eine andere Geschichte. Das alles geschah lange bevor sich Zeus in Europa,  die Tochter des  phönizischen Königs Agenor,  verliebte und sie –  indem er sich ihr in Gestalt eines Stieres näherte – auf die Insel Kreta entführte.  Dort zeugte er mit ihr Rhadamanthys und Sarpedon und den Minos, der später den Meeresgott Poseidon übers Ohr hauen wollte und einen Stier, den er ihm versprochen hatte, nicht herausrückte. Poseidon rächte sich, indem er dafür sorgte, dass Pasiphae,  die Frau des Minos, sich sinnigerweise in einen Stier verliebte. Bekanntlich ist aus dieser Verbindung dann Boris Johnson entstanden, der jetzt in einem Labyrinth lebt. Das Orakel ist also wesentlich älter als das Orakel von Twitter in Amerika. Aber wie ihr wisst: Das Orakel gibt seine Prognosen in Form rätselhafter Bilder zur Kenntnis. Man nennt das heute auf der ganzen Welt Sprachregelung, nur in Österreich sagt man Message Control. Bevor das Orakel aber spricht, bedarf es eines Omens und das ist eine ziemlich komplizierte Geschichte: Ein Oberpriester, er heißt Ney-Hammar, besprengt eine Ziege – Tan-Ner – mit eiskaltem Wasser. Bleibt sie ruhig, fällt das Orakel für diesen Tag aus, und die Ratsuchenden müssen einen Monat später wiederkommen. Zuckt die Ziege zusammen, wird sie als Opfertier geschlachtet und auf dem Altar verbrannt. Dann können die Weissagungen beginnen: Begleitet von zwei Priestern, Sobot-Ka und Mahr- Er, begibt sich die Pythia zur heiligen Quelle Kastalia, was übersetzt „Die Krone“ heißt. Dort nimmt sie nackt ein Bad, um kultisch rein zu sein. Aus einer zweiten Quelle, der Kassotis,  trinkt sie dann einige Schlucke des heiligen Wassers. Dadurch stellt sie eine innige Verbindung zu den höchsten Mächten her, von denen die Priester ihre Macht haben. Begleitet von den zwei Oberpriestern und den Mitgliedern des Fünfmännerrates geht die Pythia anschließend in den Apollontempel, wo Sobot-Ka Gebete spricht und den Segen von Novo-Ma-Tic erfleht. Sie wird dann vor den Altar der Hestia geführt, wo – nach einigen Theorien – aus einer Erdspalte berauschenden Dämpfe aufsteigen, so dass sie ihre Weissagungen in einer Art Trance macht. Andere meinen, dass sie dort mit Uhudler abgefüllt wird, was denselben Effekt hat.  Hier also die Aussagen der Pythia aus Delphi, die sie mir übermittelte, nachdem sie kurz die Gesichtsmaske abgenommen und mir ihr Antlitz gezeigt hatte:

Ganz vorne steht einer, von dem es heißt, er könne  Wasser in Wein verwandeln. Von dem  Weine  aber werden nur wenige trinken. Neben ihm aber steht derjenige, der Wein nur in Wasser verwandelt und dieses Wasser ist für die Übrigen.

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