Immer noch Weltmännertag?

Vor mehr als 100 Jahren entdeckte ein Forschungsteam hunderte Gräber auf der schwedischen Insel Björkö. Ein Wikingergrab war besonders prächtig: Speere, eine Axt, ein Schwert, zwei Pferde und ein Brettspiel beinhaltete es. Ein mächtiger Wikingerkrieger lag hier begraben. Die Archäologen waren begeistert. DNA-Tests haben jetzt gezeigt, der vermutete Wikinger-Krieger war eine Kriegerin. Damit fallen mit einem Schlag liebgewordene Mythen der wissenschaftlichen Forschung zum Opfer: Die Frau als passives, vom Mann abhängiges Wesen.  Eine Sichtweise, die vor allem durch die Religionen verbreitet und institutionalisiert wurde. Und da gibt es faktisch keine Ausnahmen. Vom Christentum über den jüdischen Glauben, den Hinduismus, den Buddhismus und den Islam sind sich in diesem einen Punkt ausnahmsweise alle einig: Ich danke dem Herrn, dass ich nicht als Frau geboren wurde, heißt es im chassidischen Judentum.

Passend dazu lässt heute, am Welttag der Frauen, das österreichische Bundesheer eine Pressemeldung lancieren: Man wolle den Frauenanteil im Heer erhöhen. Wozu? Damit sie in subalternen Funktionen den Kasernenhof behübschen? Oder sollen bei der nächsten militärischen Auseinandersetzung gar Generalinnen das Sagen haben?                                                             Vielleicht wäre es besser alle Frauen Österreichs einzuberufen und ihnen eine spezielle Nahkampfausbildung angedeihen zu lassen, damit sie sich gegen das Ermordetwerden oder Angezündetwerden wehren können. 2019 wurden in Österreich 41 Frauen ermordet, meist von Männern, mit denen eine Beziehung bestand. Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl sind das mehr tote Frauen als in der vorwiegend islamischen Türkei. 2020 waren es 24 Frauen und im heurigen Jahr – mit Stand Februar – auch schon wieder 4 Tote. Eine Frau, in Wien, die von ihrem Partner angezündet wurde und derzeit im Krankenhaus mit dem Tod ringt, ist da nicht mitgezählt.                                                                   

Wie man sieht, das Problem liegt woanders. Das Problem ist nach wie vor ein grundlegendes Problem und Frauenverachtung beginnt mit der Sprache und mit der Darstellung der Frau in den Medien. Das ist der Boden, auf dem körperliche Gewalt gedeiht. Da helfen auch Alibihandlungen wie das  Burkaverbot nicht, das von Populisten initiiert,  fremdenfeindliche Ängste und Affekte schüren soll. Bezeichnend ist auch die Gewichtung, die wir Frauenproblemen international geben. Die Ermordung des Journalisten Kashoggi ist Grund genug für amerikanische Sanktionen gegen Mitglieder der saudischen Regierung.  Dass dort Frauen faktisch rechtlos sind und wegen Ehebruchs zu Tode gesteinigt werden*, war niemals Thema bei politischen Entscheidungen. Da werden von der EU Sanktionen gegen Russland beschlossen, weil Alexej Nawalny politisch verfolgt wird, aber dass in Polen die Frauen praktisch entrechtet werden, wenn es um eine ungewollte Schwangerschaft geht, nimmt man hin ohne Sanktionen. Dass in Indien jede Minute eine Frau vergewaltigt wird und dabei viele brutal getötet werden, weiß inzwischen die ganze Welt. Dass dort also die Hälfte der Bevölkerung ständig von Gewalt und Missbrauch betroffen ist und ein indischer Politiker sagt: „So sind halt die jungen Männer, das liegt in ihrer Natur, dafür darf man sie nicht bestrafen“, kümmert niemanden. Zumindest solange das Land als Billigproduzent für Textilien vorwiegend Frauen ausbeutet und damit europäische Handelsketten riesige Gewinne machen. Wenn der Iran Uran anreichert, dann wird mit Krieg gedroht, aber es gibt keine Sanktionen für die Missachtung der Rechte von Frauen in diesem Land. In Teilen Afrikas werden nach wie vor  Mädchen durch die Beschneidung brutal verstümmelt und für ihr ganzes Leben gezeichnet. Das führt zu Diskussionen, hat aber keine politischen Konsequenzen. Institutionalisierte und von den Regierungen tolerierte Gewalt gegen die weibliche Hälfte der Bevölkerung wird akzeptiert. Wieso werden Länder, in denen man die Rechte der Frauen missachtet, nicht mit Wirtschaftssanktionen bedacht? Wieso gilt das nur für Nawalny und Kashoggi?  Warum gab es keine Sanktionen, als in Moskau die Mitglieder der regierungs- und kirchenkritische feministischen Punk-Band „Pussy Riot“* zu zwei Jahren Haft verurteilt wurden?

Aber zurück zum Grab der Wikinger- Kriegerin. Der Fund bedeutet nicht mehr und nicht weniger, dass letztlich auch historisch alles offen ist, und wir die Formen des Zusammenlebens nicht auf Grund von Vermutungen festschreiben können, sondern  hier und heute aushandeln müssen – und zwar ohne Rückgriffe auf einen behaupteten Ur- oder Naturzustand. Das Zusammenleben von Mann und Frau kann und darf nur auf Basis einer absoluten Gleichberechtigung gestaltet werden. Weder Religionen noch politische Entscheidungsträger dürfen sich anmaßen, männliche Herrschaftsfantasien als Basis der gesellschaftlichen Realität zu akzeptieren.

Steinigung – ein Überblick (igfm.de)

Pussy Riot – Wikipedia

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