Hauen und Stechen

Nun gibt es Zoff bei den Blauen. Hofer gegen Kickl. Die Messer sind gewetzt, aber das große Stechen ist noch aufgeschoben. Gegenüber der Öffentlichkeit wird kalmiert und mit der  FFP2 Maske, die Kickl im Parlament ablehnt, Einigkeit simuliert.  Es geht um die Macht in der Partei. Um Macht und Posten. Aber die Fraktionen taktieren noch und wollen sich nicht zu früh für oder gegen einen der möglichen Gewinner entscheiden. Denn davon hängt letztlich auch die eigene Zukunft ab. Wehe, wenn man auf das falsche Pferd setzt.

Wie es die FPÖ schafft, nach Skandalen durchwegs rasch wieder auf die krummen Beine zu kommen und ihren führenden Leuten gut bezahlte Arbeitsplätze im österreichischen Parlament zu verschaffen, ist mir nach wie vor ein Rätsel. Wie kann man die FPÖ Skandale so schnell vergessen? Jenen in Kärnten, der dem Land Milliarden gekostet und zahlreiche FPÖ-Politiker wegen Korruption vor den Richter gebracht hat. Oder Ibiza, wo überhaupt alle Masken gefallen sind und erkennbar wurde, dass Korruption zur DNA der Partei gehört. Charismatische Führungskräfte – was eine mögliche Erklärung wäre – hat die Partei auch nicht. Weder der immer ein wenig selbstgefällig und einfältig wirkende Norbert Hofer noch Herbert Kickl, der in seiner fanatischen Durchtriebenheit an den gnomenhaften Gollum im Tolkien Epos „Der Herr der Ringe“ erinnert, sind Charaktere, die man in einer seriösen Firma als Führungskräfte beschäftigen würde. Was bringt also bald wieder 20 % der Österreicher dazu, diese tendenziell faschistoiden Provinzschauspieler zu wählen?                                                                                     Es muss wohl so sein, dass sie eine Art Stellvertreter für die finstere Seite der Spießbürger darstellen. Ein Ausdruck, ein Spiegel der Schattenseiten und somit die lebendig gewordene Projektionsfläche für die tief in ihren Wählern versteckten negativen Emotionen. Frustration und narzisstische Kränkung, in einer auf gnadenlose Konkurrenz getrimmten Gesellschaft, führen zu Kompensationsmechanismen wie Selbstüberhöhung und Rassedünkel, die das verlorene innere Gleichgewicht stabilisieren, das wissen wir aus der Psychologie. Dazu kommt in den einschlägigen Familien eine quasi religiöse Indoktrination von Kindesbeinen an. Siehe Jörg Haider, Johann Gudenus und viele andere. Viele FPÖ Politiker kommen aus Familien mit NS-Vergangenheit.  Wie alle rechten Parteien haben sie kaum Kompetenzen, weder in der Wirtschaft noch im Sozialbereich. Dafür bedienen sie die chauvinistischen, oft rassistischen Vorurteile, die sie mit ihrer Wählerschaft teilen. Genau dieses Potential stumpfsinniger antimoderner Borniertheit nutzen die rechten Populisten immer wieder. Aber das wirklich Erschreckende ist, dass dieses Potential seit mindestens hundert Jahren immer gleich groß geblieben ist.  Das zeigt, dass die Gesellschaftspolitik in Österreich vollkommen versagt hat. Dass ein christlich sozialer Politiker wie Sebastian Kurz mit seiner türkisen Bewegung, mit der er sich bewusst klar und deutlich von der früheren ÖVP abgrenzt, auf dieselben Mechanismen setzen kann, die gleichen Ressentiments bedient und damit Wahlen gewinnt und trotzdem immer noch genug für die FPÖ übrig bleibt, ist erschreckend und Hinweis darauf, wie groß und unerforscht die Schattenseiten der österreichischen Gesellschaft sind. Im vergangenen Jahr hat es 585 gemeldete antisemitische Übergriffe inklusive Messerattentat auf einen Rabbiner in Österreich gegeben. Heute wird in mehreren Zeitungen darüber berichtet. Morgen gehen wir zur Tagesordnung über.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s