Unveröffentlichter Leserbrief

Betr.: Ö.Ö Nachrichten vom 8.6. 21 Rubrik: Wirtschaft verstehen.            Kapitalismus zerstört Umwelt- echt ? Artikel von Theodoro D. Cocca

Gestatten Sie mir bitte zu diesem Artikel folgende weitschweifige Ausführung…

Ich hatte immer schon den Eindruck, dass die politischen – ismen, sowohl Kommunismus als auch Kapitalismus, Liberalismus, Neoliberalismus etc. Glaubenssysteme sind, die versuchen Teilaspekte der Welt zu erklären und dabei ähnlich wie jede andere Religion stillschweigend implizieren, dass erfundene oder übernatürliche Phänomene Einfluss auf die Sphäre der Menschen ausüben und das unüberprüft als Dogma akzeptieren. Zusätzlich gibt es, wie in jeder Religion, Schriftgelehrte und Exegeten, die alles was dem Laien unklar oder widersprüchlich erscheint, in einer Art und Weise formulieren können, dass auch der Unkundige zur Einsicht gelangt. Die Exegeten gehen dabei meist von Idealbedingungen aus, die es nicht gibt, genau wie es keine idealen Menschen im Sinn von: ausschließlich wohlmeinend gibt, also auch keine idealen wohlmeinenden Kapitalisten geben kann. Da es also  auf Grund der Individualität des Menschen unmöglich ist, vorauszusagen wer aus welchem Motiv wo und wie Entscheidungen trifft und welche Auswirkungen das auf das Gesamtsystem hat, *1)   hat man auch im Kapitalismus sämtliche Unwägbarkeiten, die sich der Vorhersage entziehen, ignoriert und durch Dogmen ersetzt. Und Dogmen sind was sie sind: Sie können der Realität diametral gegenüberstehen, ohne dass der Gläubige den Widersprich empfindet.  Im Gegenteil, er wird den Widerspruch rationalisieren, das heißt, er wird ihn wegdiskutieren.  Gestatten Sie mir, dass ich über einen kleinen Umweg darauf wieder zurückkomme.                                                                                                                                    

Fangen wir bei den Religionen an. Irgendwann in der Frühzeit der menschlichen Existenz muss sich jemand die Frage gestellt haben, woher all das was ihn oder sie (vielleicht war der erste Philosoph ja eine Philosophin) umgibt und woher letztlich er oder sie selbst, kommt. Viele Bezugspunkte für eine diesbezüglich eindeutige Erklärung gab es am Beginn des menschlichen Weges durch die Geschichte nicht. Also waren wohl die naheliegenden Subjekte in Betracht zu ziehen und die Frage: Hat mein Vater die Welt erschaffen oder mein Großvater oder sonst wer aus meinem Clan? wurde vielleicht gestellt, war aber mit Sicherheit zu verneinen. Ergo musste etwas anderes als Ursprung alles Seienden gefunden werden. Die zahlreichen Welterklärungsmythen aus den unterschiedlichsten Regionen der Welt sind ein beredetes und sinnliches Zeugnis für die Gedanken, die sich die Menschen in diesem Zusammenhang machten. Die Vielzahl der Mythen spiegelt wohl die unterschiedlichen Erfahrungsrealitäten der Welterklärer wider. So war es im persischen Manichäismus der Kampf von Licht und Dunkelheit, der am Anfang stand und im babylonischen Gedicht „Enuma Elish“ eine sexuelle Vereinigung zwischen den Urgöttern Tiamat und Apsu. In Nauru, einem Inselstaat in Micronesien gab es am Anfang nur die Riesenspinne Areop-Enap und den endlosen Ozean, die beide im unendlichen Raum schwammen. Bei den germanischen Stämmen existierte das eisige Niflheim im Norden und das feurige Muspellheim im Süden und dazwischen ein absolut leerer Raum –  Ginnungagap, eine Art gähnender Abgrund oder auch Urraum, der dann so nach und nach von Riesen und Göttern besiedelt wurde.  Und die Bibel sagt: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde….                                                                                                                                                 

Diese Mythen, von Generation zu Generation weitergegeben und wohl immer mehr ausgeschmückt und an die neuen Zeiten angepasst, haben letztendlich die Buchreligionen hervorgebracht und eine der wirkmächtigsten war und ist das Christentum.  „Geformt aus einem gewaltigen Zusammenfluss von Traditionen – persischen, jüdischen, griechischen, und römischen – hat es den Zusammenbruch des Imperiums aus dem heraus es sich entwickelte lange überlebt, um das mächtigste aller hegemonialen kulturellen Systeme der Weltgeschichte zu werden.“ (Daniel Boyarin, jüdischer Philosoph, über das Christentum).  Aus dem Christentum wiederum sind – wie es bei menschlichen Konstrukten nicht anders zu erwarten ist – die unterschiedlichsten, meist von Einzelpersonen geprägten Abspaltungen entstanden. Von der griechischen Orthodoxie, die schon in der Antike eigene Wege ging, bis zu Luther und Calvin und den evangelikalen Bewegungen der Neuzeit berufen sich alle auf die Bibel mit jeweils eigener Deutung.

Nach der Lehre des Reformators Johannes Calvin (1509 bis 1564) ist der Mensch von Gott zu Heil oder Unheil vorbestimmt. Das heißt, es steht schon seit jeher fest, wer verdammt ist und wer nicht. Wirtschaftlicher Erfolg gilt demnach im Diesseits als Zeichen der Gnade Gottes, also als Zeichen der Auserwähltheit.  Der Calvinismus fand in Frankreich, in den Niederlanden und England Verbreitung und gelangte durch die Puritaner*2), so hießen Calvins Anhänger in England, auch nach Nordamerika, wo zu dieser Zeit ein gnadenloser Kampf der Starken gegen die Schwachen stattfand, der den  Rücksichtslosesten und Gewalttätigsten eben jenen wirtschaftlichen Erfolg sicherte, der die Gnade Gottes erkennen ließ.  Speziell dieser primitive Mythos vom Mann, der sich mit der Waffe in der Hand seinen Weg bahnt und die Wildnis unterwirft und dabei unendlich reich wird, ist eine der Basisideen des Kapitalismus amerikanischer Prägung, der uns heute überall in der westlichen Welt begegnet. Dem Sozialstaat, mit öffentlichen Schulen und öffentlichem Gesundheitssystem und Altersversorgung, der allen europäischen Demokratien bis zum Wiedererstarken des Liberalismus (Neoliberalismus) als Idealbild galt, stehen die meisten Amerikaner bis heute mit Unverständnis gegenüber. Für sie ist das Kommunismus.

Und jetzt komme ich wieder zurück und nehme Bezug auf den Artikel von Theodoro D. Cocca, Universitätsprofessor für Asset- Management und Mitglied des Forschungsinstitutes für Bankwesen an der JKU in Linz. Der Schweizer Gelehrte, aus dem Ursprungsland des Calvinismus, ist sozusagen ein „Hoher Priester und Exeget“ des Kapitalismus. Und er erklärt in diesem Artikel,*3)  der ein wenig wie kapitalistische Sonntagstheologie daherkommt*3), dass Klimakrise und Umweltverschmutzung nicht das Geringste mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem zu tun haben. Zitat: „Ein direkter Zusammenhang zwischen Kapitalismus und der Umweltzerstörung lässt sich aber in Wahrheit anhand von Daten nicht belegen“.  Das ist so, als würde ein katholischer Theologe behaupten, dass die Kreuzzüge nicht das Geringste mit dem Katholizismus zu tun haben und ein islamischer Imam die Eroberungskriege der Umayyaden unabhängig vom Islam erklären wollte, weil nichts davon in der Bibel oder im Koran stünde.  

Cocca vertritt die Meinung, dass im Gegenteil, durch mehr Kapitalismus – vor allem in der Dritten Welt – Emissionen gesenkt werden können. Was er unerwähnt lässt ist, dass ganz Afrika mit 1,2 Milliarden Einwohnern nur einen Bruchteil der Emissionen verursacht, die alleine Amerika mit 330 Millionen Einwohnern verantwortet. Und China, wo ein brutaler Staatskapitalismus die Regeln bestimmt, gemeinsam mit Amerika die größten CO2 Emittenten der Welt sind. *4)                                              

Aber Theodoro Cocca sagt: „Die Daten (welche?) suggerieren zum Beispiel, dass ein nachhaltiger Schutz der Umwelt in ärmeren Ländern durch mehr Wohlstand und damit alternative Einkommensquellen, zur Ausbeutung der Umwelt erreicht werden könnte. (sic!) Dieser etwas unüberschaubare Satz meint wohl, dass mehr Wohlstand in der Dritten Welt in der Folge zu alternativen Einkommensquellen und dadurch geringerer Naturzerstörung beitragen würde.*5)  „Paradoxerweise könnte also mehr Wachstum der Umwelt helfen“. Wie genau die Dritte Welt dieses  Ziel – mehr Wachstum –  erreichen soll, ohne die gleichen Entwicklungsschritte wie die westliche Welt zu machen – also  mehr Infrastruktur aus Beton und Eisen, mehr Straßen, mehr Autos, mehr Fabriken etc. und alles ohne CO2 und Umweltschäden und ohne zusätzliche Abholzung und Flächenversiegelung, bleibt ungeklärt.  Genau wie nicht erwähnt wird, dass sich diese Länder zuallererst von der Ausbeutung ihrer Bodenschätze durch multinationale Konzerne, die die Dritte Welt und deren Menschen als ihr Rohstoffreservoir betrachten und dort zu enormen Umweltschäden beitragen, befreien müsste.

Weiters schreibt er, „dass es einen klaren Zusammenhang zwischen dem Bruttosozialprodukt und dem Stand des Umweltschutzes gibt“.  Auch das halte ich für eine unglaubliche Schönfärberei, typisch für die fundamentalen Muster nach denen Kapitalismusgläubige sich die Welt erklären. Demnach ist alles was positiv ist dem Kapitalismus zu verdanken und alles was negativ ist, hat seine Ursache darin, dass der Kapitalismus noch zu wenig zum Durchbruch gekommen ist.  Natürlich können reiche Staaten es sich leisten, den Dreck – zumindest den sichtbaren – besser zu entsorgen als arme Länder wie Nigeria oder Malaysia, wohin wir die Abfälle aus unseren Industrieproduktionen zur Entsorgung schicken.  Millionen Tonnen Plastikabfälle, Elektroschrott und alles, was nicht ins Meer gespült wird, landet in den armen Ländern der Welt*6). Mit dem weltweiten Handel von CO2 Zertifikaten wird zudem verschleiert, wer wann wo  wieviel Co2 produziert.                                                                         

 Zum Abschluss erklärt Cocca noch, dass die Umwelt einen Preis haben sollte, damit der Markt – als wichtiger Mechanismus des Kapitalismus – in der Lage sei, dies zu berücksichtigen. Dass das derzeit nicht der Fall sei, sei aber nicht das Versagen des Kapitalismus, sondern der Rahmenbedingungen, welche über das demokratische System festgelegt werden.  Dass die Rahmenbedingungen aller westlichen Demokratien inzwischen vom kapitalistischen System festgelegt werden, ist eine Randbemerkung meinerseits und findet bei Cocca sicher keinen Zuspruch. Denn aus allem, was er schreibt, spricht der Glaube an ein System, das nicht zu hinterfragen ist und dem er blind vertraut, obwohl die Auswirkungen dieses Glaubenssystem bereits die Grundfesten der menschlichen Existenz gefährden. Gerade Ereignisse wie die gegenwärtige Pandemie, in der die Wirtschaft der westlichen Welt mit Milliarden aus den Staatskassen und somit den Steuern der kleinen Leute  vor dem Ruin gerettet wurde und zusätzlich sehr viel staatliches Geld für die Entwicklung von Impfstoffen bereitgestellt wurde, zeigen, dass die Fama vom unbesiegbaren, segensreichen  Kapitalismus ins Reich der Märchen zu verweisen ist. Üblicherweise werden staatliche Eingriffe ins Marktgeschehen strikt abgelehnt und die volle Freiheit der Akteure verlangt. Aber ausnahmsweise nimmt man halt einmal ein wenig Geld, natürlich nur um die Arbeitsplätze zu erhalten. Aber kaum, dass die Milliarden eingestrichen sind und etliche Unternehmen die Pandemie zur weiteren Kapitalmaximierung genutzt haben, ist schon wieder die Rede vom weiteren Wirtschaftswachstum. Wachstum heißt schlicht und einfach so lange Wachsen bis alle Ressourcen verbraucht und der Erdball einmal komplett umgeackert ist oder die nächste Weltwirtschaftskrise alles hinwegfegt. Dann fangen wir wieder von vorne an, wenn dass dann noch möglich ist .  

Ein Glaubenssatz, den ich auch nicht verstehe, der aber ernsthaft von Kapitalisten zumindest sinngemäß vertreten wird: Erst wenn sich der Kapitalismus überall auf der Welt durchgesetzt hat, gibt es das versprochene Paradies auf Erden, keine Wirtschaftskrisen und Überfluss für alle.  Also nur Geduld, alles eine Frage der Zeit….                                                                                                    

 Damit sind wir wieder beim Anfang und den Tröstungen der Religion: Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes.

*1) Wer hätte zum Beispiel bei der Geburt Adolf Hitlers in Braunau vorhersagen können, dass dieses Baby, geboren in einfachen Verhältnissen, einmal der Katalysator für eine der dramatischsten und grausamsten Wendungen in der Geschichte der Menschheit sein wird.

*2) Die Pilgerväter, gehörten einer besonders radikalen Strömung im englischen Puritanismus an. Als Pioniere spielen sie nicht nur in der  amerikanischen Folklore, etwa im Hinblick auf das Thanksgiving-Fest, eine herausragende Rolle. Sie brachten auch jene ethnozentristische und auf Erwerb und Besitz gerichtete Haltung mit, die dem amerikanischen Traum bis heute als Unterfutter dient.

*3)Kapitalismus zerstört Umwelt – echt? | Nachrichten.at

*4) Fast 30 Prozent der globalen CO2-Emissionen kommen aus der Volksrepublik China. Doch pro Kopf betrachtet kehrt sich das Verhältnis um: Die USA stoßen pro Einwohner  doppelt so viel Kohlendioxid aus – und auch Deutschland gehört nach wie vor zu den größten CO2-Verursachern.                                                                                                                         

*5) In Borneo,  das eindeutig zur Dritten Welt gehört und gerade dem Kapitalismus erschlossen wird, bin auf dem Weg von Kota Kinabalu im Norden der Insel nach Semporna im Nordosten, stundenlang an Palmölplantagen vorbeigefahren. Dort wurden hunderttausende Hektar Primärwald gerodet, die Menschen vertrieben, die Tierwelt vernichtet. Die Orang Utans wurden erschossen oder erschlagen um teure Umsiedlungsaktionen zu ersparen. Alles nur, um für die Kosmetik- und die Nahrungsmittelindustrien weltweit billige Grundstoffe zu produzieren. Einen Teil davon verbrennen wir auch als Biokraftstoffe in Autos. Dazu sagt Cocca: „Natürlich, dem Planeten geht es nicht gut, die Temperaturen steigen, die Meere übersäuern, Regenwälder werden abgeholzt. Aber unser Wirtschaftssystem dafür verantwortlich zu machen, ist erstens inhaltlich falsch und zweitens im Sinne der Sache nicht klug. Denn die Kapitalismuskritik ist so abstrakt und allgemein, dass sich zwar viele Protestierende unter diesem Schlagwort wiederfinden, aber völlig unklar bleibt, was eigentlich nun konkret zu ändern ist“.

*6)Nach Malaysia verschifft: Illegaler Müll zurück in Österreich – news.ORF.at

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