Pétanque in Aschach an der Donau

 

Alles, was auf dieser Welt wirklich Wert hat, ist gratis. Die wichtigsten Dinge in unserem Leben sind unter anderem die informellen Beziehungen zu Familie und Freunden. Alles andere ist sekundär. Die Mühen des Alltags, die Zumutungen der österreichischen Innenpolitik und den derzeit allgemein frustrierenden Verlauf der Weltgeschichte vergisst man am besten, wenn man sich mit Freunden zusammentut. Ein guter Anlass dafür sind seit eh und je gemeinsame Spiele. Der Homo ludens – der spielende Mensch – ist par excellence das Erklärungsmodell für die Entwicklung der kulturellen Fähigkeiten des Menschen, die sich vor allem über das Spiel entwickelt haben. Der Mensch entdeckt im Spiel seine individuellen Eigenschaften und wird über die dabei gemachten Erfahrungen zu der Persönlichkeit, die seinen Anlagen entspricht. Das Spiel ermöglicht es, die Zwänge und Gegebenheiten der äußeren Welt zu erfahren und gleichzeitig zu überschreiten. Kinder lernen im Spiel ihre Welt begreifen und Erwachsene finden Entspannung, Distanz zum Alltag und soziale Kontakte. Gleichzeitig können Körper und Geist trainiert und neue Fähigkeiten erlernt und überprüft werden.                                                                                                       

Wer in den letzten Monaten am Donauufer in Aschach spaziert ist, hatte hin und wieder die Gelegenheit, an der Uferpromenade ein paar Leute konzentriert bei einem Spiel mit Eisenkugeln zu beobachten. Dieses Spiel heißt Pétanque. Pétanque wurde Anfang des 20. Jahrhunderts in Südfrankreich erfunden. Der Name leitet sich vom provenzialischen ped tanco ab – französich pieds tanqués – was geschlossene Füße bedeutet. Ein Hinweis darauf, dass man aus dem Stand mit geschlossenen Füßen seine Kugel zur Zielkugel werfen muss. Das Spiel hat sich aus dem französischen Boule-Spiel*  entwickelt und die Regeln sind einfach. Zwei, vier oder sechs Personen bilden zwei Mann/Frauschaften, die ihre ca. 70 dkg schweren Eisenkugeln möglichst nahe an der kleinen Zielkugel, die vom ersten Spieler geworfen wird, platzieren sollen. Eine Mannschaft spielt so lange bis sie eine Kugel näher als der Gegner an die Zielkugel geworfen hat. Sind alle durch, wird gezählt. Jede eigene Kugel, die näher als eine gegnerische am Ziel liegt, zählt einen Punkt. Das Prinzip kennen die meisten von uns vom Eisstockschießen. Ein Spiel ist beendet, wenn eine Mannschaft 13 Punkte erreicht hat. Zum Mitzählen sind am Spielfeldrand Zähltafeln aufgestellt, die auch eine Abstellfläche, für die aus dem angrenzenden Gastgarten gelieferten Getränke haben (Konstruktion und Spende von Dr. Menschick, der  Initiator und Ideengeber für den Platz war). Der Gemeinde und den Gemeindearbeitern ist zu danken, dass sie die Anregung für diese Anlage angenommen und perfekt umgesetzt haben. Wir haben hier einen der schönsten Pétanque-Plätze in ganz Österreich.  Die Benützung ist für Jedermann/Frau frei. Kugeln zum Spielen kann man sich bei den umliegenden Wirten umsonst leihen, die Regeln sind auf einer vor Ort angebrachten Tafel nachzulesen oder werden von den „Eingeweihten“ auch gerne erklärt. Spielen kann jeder sofort, weil es sehr einfach ist. Allerdings, je mehr Erfahrung man hat, umso mehr merkt man, dass Präzision und Konzentration gefordert sind und um so spannender wird es. Nb. Die besten Spieler bisher sind übrigens Spielerinnen.

Der Frühling kommt und lädt geradezu ein, ein paar Stunden spielend am Donauufer zu verbringen.  Also, viel Spaß dabei und „bon jeu“.                                                                            

 

*Die Geschichte des Kugelspiels lässt sich bis in das 5. Jahrhundert v. Chr. zurückverfolgen, als der griechische Arzt Hippokrates von Kos erstmals ein mit Steinkugeln gespieltes Spiel lobend erwähnte. Im 2. Jahrhundert nach Christus beschrieb der griechische Gelehrte Iulius Pollux ein Spiel, bei dem zwei Spieler einen entfernten Ziegelstein mit ihren Steinkugeln treffen mussten.

Boule in seinen verschiedenen Formen war und ist in Frankreich bis heute ein äußerst beliebtes Freizeitvergnügen.  In einem gerichtlichen Verbot des Kugelspiels von 1629 hieß es: Boule verführt zu lasterhaften Ausschweifungen und ist Ursache sonstiger Unverschämtheiten. (Dass so etwas in Aschach passiert, hält der Autor dieser Zeilen nicht für wahrscheinlich, ausschließen kann er es aber auch nicht).

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