Morgenspaziergang in der East London Street

Parkplätze sind rar in Edinburgh und die wenigen sind für die Anwohner reserviert. Darum muss ich am Montagmorgen  um acht Uhr aufstehen und den Parkplatz vor dem Haus räumen. Zwei Straßen weiter gibt es einen Dauerparkplatz – Geheimtipp von Norman – dem Inhaber von Ramsay’s B&B, der mich fürsorglich weckt und mir ausrechnet welche Differenz  zwischen jetzt Aufstehen und Weiterschlafen liegt. So an die 30 Pfund sind für Falschparken fällig. Auf dem Rückweg bleibe ich, vom Lärm angelockt, vor der Grundschule stehen. Es ist der erste Schultag in Schottland nach den Ferien und auf dem Schulhof herrscht reges Treiben. Während am gußeisernen Gitter, das den Hof vom Gehweg  trennt, angeleinte Promenadenmischungen einander beschnuppern, hüpfen drinnen Erstklässler wie hyperaktive Flöhe herum. Väter und Mütter unterhalten sich angeregt. Erst beim zweiten Blick wird mir bewußt was ich sehe: Hier sind mindestens fünf verschiedene Rassen vereint. Eine kleine Inderin zeigt der rothaarigen Schottin gerade ihre neuen Schulsachen. Auf den Kletterstangen turnen drei kleine Buben herum, einer braun, der andere schwarz und der dritte japanischer Herkunft. In dem Gewimmel auf dem Platz ist die Verteilung ähnlich und als ich meine Aufmerksamkeit auf die anwesenden Erwachsenen lenke, sehe ich ebenfalls unterschiedlichste Hautfarben. Norman scheint etwas verwundert als ich ihn frage – hier ist das selbstverständlich. Eine kleine Begebenheit fällt mir ein, die mir neulich jemand erzählt hat: Auf die Frage, ob es im Kindergarten auch  Ausländer gibt, hat ein fünfjähriger Bub seinen Vater nur  verständnislos  angesehen und dann gesagt: „Nein, bei uns gibt es nur Kinder.“

Familiäre Prägung

Ich stamme aus einer Familie linker Sozialutopisten. Alle waren irgendwie im Sozialbereich tätig, als Sozialarbeiter, in Krankenhäusern, oder zumindest bei einer Sozialversicherung tätig. Das heißt – nach herrschender Meinung – keiner hatte eine anständige Arbeit. Angefangen hat dieser Nonkonformismus in gewisser Weise mit meinen Großvätern. Der eine konnte sich, bevor er als Bauer sesshaft wurde, lange nicht zu einem soliden Lebenswandel durchringen, sondern fuhr als Stewart auf den Schiffen der Hamburg – Amerika Linie. Das war damals, vor dem ersten Weltkrieg, ziemlich mutig und ziemlich ungewöhnlich für einen Bauernbuben aus einem oberösterreichischen Dorf. Der andere Großvater war subversiv zu einer Zeit als Subversivität das Leben kosten konnte. Und er kam oft in gewaltige Schwierigkeiten. Er war Schmiedemeister und wurde wegen seiner offensichtliche Ablehnung der NSDAP immer wieder von den braunen Ortsbonzen und der SA besucht. Anlässlich eines solchen Besuches wurde er gefragt, ob er den Stürmer abonniert habe. Was er freudig bejahte, denn, so fügte er hinzu, der brenne so gut, den brauche er zum Anzünden der Esse in seiner Schmiede. Sie haben ihn ziemlich verdroschen.
Mein Vater war dann der erste rote Gemeinderat im Dorf. Ein Sozialist in einem Bauerndorf, das nach Austrofaschismus und Hitlerfaschismus von der ÖVP okkupiert war. Das ging auch an uns Kindern nicht spurlos vorüber. Als rote Kröte wurde ich von ein paar Kindern in der Schule beschimpft und angespuckt. Da ich aber ziemlich wehrhaft war und vor allem unglaublich jähzornig, habe ich einem der Oberstänkerer eine Tracht Prügel verabreicht, an die er sich heute noch erinnert und ihn anschließen noch im Dorfbach gewässert. Damit war die Debatte vorerst beendet und die Sozialdemokratie auf den Weg zur Akzeptanz gebracht.
Wenn man so aufgewachsen ist, mit diesem ganz bestimmten Blick auf die Dinge der Welt und darin auch noch ständig von den Nahestehenden bestärkt wird, dann darf es nicht wundern, dass man in der Asyldebatte einen anderen Standpunkt bezieht wie die FPÖ und deren Publikum. Dann sieht man all die Lügen und Ausreden und Schuldzuweisungen, all das, was gerade jetzt in Traiskirchen den Menschen, die sich vor Mord und Totschlag in Sicherheit gebracht haben zugemutet wird, wie durch ein Vergrößerungsglas.
Andererseits gibt es in Österreich Menschen, denen es auch nicht gut geht, aus welchem Grund auch immer. Solche die das Gefühl haben, irgendwo und irgendwie zu kurz gekommen zu sein. Kurz, Menschen, denen das Leben übel mitgespielt hat. Eigentlich müssten diese am meisten Mitgefühl für Flüchtlingen aufbringen. Sonderbarerweise ist beim Großteil dieser Bevölkerungsgruppe genau das Gegenteil der Fall. Der Grund dafür ist, dass politische Gruppen nicht davor zurückschrecken, das Elend der einen gegen die Not der anderen auszuspielen, um damit ihre eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen. In Wahrheit sind die Kosten, die Österreich für die Flüchtlinge aufbringt im Vergleich zu den Kosten, die die FPÖ Landesregierung mit der Hypo in Kärnten verursacht hat, ein Pappenstiel, damit hätte man 1 Million Flüchtlinge wahrscheinlich zweihundert Jahre lang durchfüttern können. Von einer ungeheuren Chuzpe zeugt es, dass gerade diejenigen, die in direkter Linie von dieser Baggage abstammen, jetzt die allerschlimmsten Hetzer sind. Aber für die meisten Österreicher ist klar, dass diese Gruppe nichts anderes tut, als aus einem Klassenkampf einen Kulturkampf zu machen und die Stimmen derer, die sich von ihrem Geschrei Angst machen lassen, als bequemes Vehikel zu Geld, Macht, Einfluss und einer Staatspension verwenden wollen. Sorgen mache ich mir allerdings um die, denen das nicht klar ist. Das wird ein schlimmes Erwachen, wenn sie einmal sehen, dass sie denjenigen, die sie mit ihrer Stimme an die Macht bringen, in Wirklichkeit genau so gleichgültig sind, wie die Flüchtlinge in Traiskirchen

Frauen sind Menschen wie wir

Ich muss schon sagen, wo er recht hat, hat er recht der Frank Stronach: „Wer das Geld hat, macht die Regeln“ – wer könnte das in unserer Gesellschaft übersehen. Und die Regeln werden so gemacht, dass das Geld bei denen bleibt, die die Regeln machen.

Aber: „Frauen sind Menschen wie wir“ – nie und nimmer.

Warum ich mir da so sicher bin ? Nun, mein Faible für Geschichte ist in diesem Blog ja wohl unübersehbar. Und wie es so schön heißt: Aus der Geschichte lernen wir. (Tun wir natürlich eh nicht, aber wir sagen halt so).

Also, wir haben eine Evolutionsgeschichte hinter uns, die grob betrachtet, so an die 240 Millionen Jahre währte. Neunundneunzig Prozent unserer überschaubaren Geschichte waren wir Jäger und Sammler.       Und….?  wer hat gejägert und wer gesammelt? Na klar, Arbeitsteilung war schon ein sehr frühes Sozialprogramm. Die kräftiger gebauten Männer wandten sich der durchaus gefährlicheren Jagd zu, während die Frauen mit den Kindern im Lager blieben und dieses bewachten und kurze Streifzüge machten – soweit es die Sorge um die Kinder erlaubte – um zu sammeln, was das Land so hergab. Dabei haben sich Verhaltensweisen und Eigenschaften entwickelt, die bis heute in unserem Zusammenleben prägend blieben. Frauen haben eine höhere Stimme als Männer. Der Grund, ein lauter schriller und hoher Ton trägt viel weiter und wird eher gehört als ein tiefer. Bei der Aufsicht der Kinder, um sie oder andere im Lager vor Gefahren zu warnen, war das ein gewaltiger Vorteil. Auf schrille hohe Töne reagiert ein Teil unseres Gehirns, die Amygdala oder Mandelkerne, die für Angst zuständig sind, deutlich empfindlicher als auf tiefe.
Frauen kommunizieren auch untereinander anders als Männer. Sie mussten sich über die Dinge des Lebens einig werden. Vor- und Nachteile bestimmter Handlungen wurden offen und rege diskutiert, die Kommunikation war symmetrisch, das geschieht auch heute noch so. Frauen diskutieren und besprechen manche Dinge wesentlich ausführlicher als Männer. Ob beim Kauf eines neuen Autos oder bei der Wahl der Farbe des Kinderzimmers. Bei Männern steht rasch fest, was Sache ist. Frauen finden immer noch ein Für und Wider. Sie sind in dieser Hinsicht auch konfliktbereiter, auch untereinander. Einer meiner früheren Chefs hat das mit den Worten: Mehr als zwei Eierstöcke vertragen sich nicht, auf den Punkt gebracht. Das ist aber natürlich schon die männliche Reaktion auf das, was unserem Verständnis, an der weiblichen Art Probleme zu lösen, entgeht.
Im Gegensatz dazu, die männliche Jagdgesellschaft: Bei der Jagd, um sich in der Nähe des Wildes zu verständigen, sind niederfrequente Töne besser geeignet, weil sie nicht so weit gehört werden. Leise und wachsam muss man sich anschleichen, möglichst ungesehen bleiben, einer folgt dem anderen, ein Kopfnicken, ein Deuten mit dem Speer in die Richtung in der das Wild steht. Und vor allem: Alle folgen dem Anführer, dem besten Jäger oder dem besten Fährtenleser. Er ist der „Führer“, er hat das Sagen und gibt kurze Anweisungen, man spricht nicht viel, jede Handlung ist auf den Zweck gerichtet. Die Kommunikation war linear von oben nach unten. Männer gehorchen blind Befehlen. Der Führer wird nicht hinterfragt. Er hat und benutzt Macht, etwas, das es eigentlich gar nicht gibt – Macht ist abstrakt, im Gegensatz zu Gewalt – sondern in den Köpfen generiert wird und bis heute wirkt. Männer sind immer noch Jäger und bereit auf Befehl zu töten was ihnen in die Quere kommt. Männer finden sich zu geheimen Absprachen und Machtzirkeln zusammen, gründen hierarchisch strukturierte Vereine, politische Parteien, sind klandestin und konspirativ. Darum haben sie weltweit die Macht in Händen. Auch die westlichen Demokratien werden von Männerbünden beherrscht. Im Wesentlichen zumindest –  und Ausnahmen bestätigen die Regel. Das allgemeine Wahlrecht für Frauen gilt in Österreich erst seit 1918.
Frauen haben erst seit evolutionsgeschichtlich kurzer Zeit gelernt ähnliche Verhaltensweisen zu kopieren. Andererseits  sind die meisten Männer  noch meilenweit davon entfernt, zumindest im Alltag, die Kommunikationsschiene der Frauen zu verstehen und halten das auch nicht für nötig. Um in dieser Welt Macht zu erringen, muss man konspirativ sein und autoritär und vor allem hierarchisch organisiert, das genügt. Das ist es was die Frauen unterscheidet, deshalb sind sie keine Menschen wie wir, sie sind zu wenig konspirativ.

Das finstere Mittelalter

Æthelred der Unfertige, war König von England aus dem angelsächsischen Geschlecht von Wessex. Er lebte von 968 bis 1016. In seiner Regierungszeit überfielen die dänischen Wikinger plündernd und mordend die Küstengebiete Englands. In manchen englischen Landstrichen ließen sich Wikingerkrieger, die in Konflikt mit ihrem König Olav Trygvasson waren, aber auch nieder und lebten friedlich mit den Angelsachsen zusammen. Das Land war konsolidiert und reich. Æthelred hatte ein gut funktionierendes Steuersystem eingeführt, mit dem er seine Untertanen nach Belieben schröpfen konnte. Aber es gab so etwas wie Rechtssicherheit. Das zog viele dänische Kaufleute an, die ebenfalls friedlich ihren Geschäften nachgingen. Was man halt damals so als Geschäfte bezeichnete. Dazu gehörte auch der ausgedehnte und lukrativer Sklavenhandel, den die Wikinger mit den Mauren des spanischen El andalus betrieben. Aber auch die Engländer hatten direkt vor ihrer Haustür eine lieferfertige Menge von Kelten. Ihr Geschäft war es die Waliser zu fangen und zu verkaufen. Bristol war der Hafen von dem die Sklaven nach Spanien und Afrika verschifft wurden und in einem alten Bericht hieß es:“ Man sah und bedauerte reihenweise aneinandergefesselte erbarmungswürdige Kreaturen. Junge Leute beiderlei Geschlechts, deren Schönheit und jugendliche Unschuld selbst bei Barbaren Mitleid hervorrufen musste, wurden zur Prostitution und zum Verkauf angeboten.“
Im Jahr 1000 führte Æthelred einen Feldzug gegen Schottland wo er mit den besten Kriegern seiner Arme verheerend zuschlug. Gleichzeitig setzte er ein Heer in die Normandie gegen die Wikinger in Marsch. Die Piraten bekamen ihre eigene Medizin zu schlucken. Mit dem Wikingerkönig Olav Tryggvasson schloss er einen Vertrag und Olav trat wohl aus Kalkül zum Christentum über erhielt aber auch 34000 Pfund Silber, die Æthelred seinen Landsleuten abgepresst hatte, um die Küsten Englands in Hinkunft zu schonen.
So wäre soweit alles gut gewesen. Aber das Misstrauen blieb. Die vielen Fremden im Land – die Dänen – war ihnen zu trauen? Arbeiteten sie nicht doch im Geheimen mit den Piraten zusammen? Am 13. November 1002 am Tag des heiligen Brictius oder vielleicht schon einige Tage davor hatte Æthelred ein ganz und gar ungutes Gefühl, er traute den Dänen nicht und deshalb befahl er seiner Armee alle Dänen im Land umzubringen. Es folgte ein fürchterliches Blutbad und die christliche Nächstenliebe scheint dem keinen Abbruch getan zu haben. In einem besonders grausamen Fall in Oxford wurden die Dänen verbrannt, als sie sich schutzsuchend in einer Kirche zusammendrängten. Das ganze zog natürlich wieder Racheakte der Dänen nach sich, den unter den Toten befand sich auch Gunhilde die Tochter von Sven Gabelbart dem König von Dänemark, der gemeinsam mit seinem Sohn Knut in der Folge England angriff und eroberte.
Ich weiß nicht, bin ich paranoid oder hab ich ein Dejavu Erlebnis auf Grund der großen Hitze oder kommt euch das auch bekannt vor. Die Türken und die Kurden, die Russen, die sich mal eben die Krim schnappen. Die EU, die gemeinsam mit den Amerikanern einen Putsch in der Ukraine anzettelt. Der Überfall auf den Irak, der die ganze Region destabilisiert hat  und religiösen Fanatiker, den Weg geebnet hat, die ohne mit der Wimper zu zucken Massenmorde begehen, Menschen versklaven und Frauen verkaufen als wären sie ein Stück Vieh. Überall Tyrannen, Wahnsinnige und Menschen deren Elend sie zur Flucht zwingt.
Finsteres Mittelalter

Zoon politikon

Der Bürger einer antiken griechischen Polis (Stadtstaat) teilte sein Leben in vier gleichwertige Bereiche ein, und er bemühte sich, diesen Bereichen jeweils ein gleiches Maß an Zeit zu widmen.
Das waren Religion, Politik, Arbeit und Freizeit. Die Teilnahme an der Politik war also ein selbstverständlicher Teil des Lebens.
Laut einer, von der Eu in Auftrag gegebenen Umfrage, sind die Werte, die heutige Europäer für ihr Leben für wichtig halten folgende:
Gesundheit (99 %), die Familie (97 %) sowie Freunde und Bekannte (95 %), gefolgt von Freizeit (89 %), Arbeit (84 %) und Hilfe für andere (78 %). Im Vergleich hierzu gelten Religion (53 %) und Politik (41 %) bei den Europäern als weniger bedeutsam für das eigene Leben.
Wie wir sehen hat die Politik den letzten Platz erreicht.
Der Mensch hat offensichtlich aufgehört ein Zoon politikon (soziales -politisches Wesen) – wie Aristoteles es nannten – zu sein. Die politische Verantwortung für uns alle bleibt bei einigen wenigen. Wir haben aufgehört mitzureden, mitzugestalten und wundern uns, wenn die Dinge sich in eine Richtung entwickeln, die uns nicht gefällt.
Auf der anderen Seite lassen wir uns von den Marketingstrategen der Industrie gängeln und anstatt im eigenen Interesse und mit eigenen Ideen am politischen und öffentlichen Leben teilzunehmen, verpufft dieses riesige Potential, das in uns allen steckt bei sinnlosen Freizeitaktivitäten oder bei der abendlichen Berieselung vor den Fernsehgeräten.
Aber – ja, natürlich – wir dürfen gar nichts gestalten, geschweige denn bestimmen. Wir dürfen nur wählen, falls wir möchten – müssen tun wir auch nicht mehr. Nur beim Bundespräsidenten ist Wahlpflicht. Der spielt aber eh keine Rolle im Staat, außer, dass man sich ein wenig über ihn lustig macht, wegen seiner Frisur.
Das einzige Land der Welt in dem die Bürger noch mitreden ist die Schweiz. Die Schweiz ist eine halbdirekte Demokratie. Im Gegensatz zu einer direkten Demokratie, in der das Volk selbst über Sachfragen und Gesetzte entscheidet, also ohne Parlament auskommt, gibt es in der Schweiz auch einen Anteil an repräsentativer Demokratie. In der Schweiz wählt das Volk das Parlament, hat aber ein obligatorisches Referendumsrecht wenn es um Verfassungsänderungen geht. Die Verfassungsänderung wird nur dann angenommen, wenn die Mehrheit der Bevölkerung zustimmt. Ein Vorgang, wie in Ungarn, der auch in Österreich möglich wäre, wo eine Parlamentsmehrheit einfach die Verfassung zu ihren Gunsten ändert und dadurch ihre  Macht und ihren Einfluss im Staat zementiert, wäre in der Schweiz nicht möglich.
Dann gibt es noch ein fakultatives Referendum: Wenn das Schweizer Parlament ein Gesetzt beschließt das den Bürgern nicht gefällt, genügen die Unterschriften von 50 000 Schweizern um darüber einen Voksentscheid zu erzwingen.              Das sei zu umständlich, behaupten unsere Politiker seit Jahren – zu gefährlich für die Macht und Pfründe der Parteien behaupte ich. Da könnte ja das Volk auf die Idee kommen, dass es ein Gesetz, das eine dramatische Erhöhung der Parteienfinanzierung zum Inhalt hat, ablehnt, weil es der Meinung ist, dass die Parteien  das nicht wert sind.
In einer repräsentativen Demokratie kann das Volk nicht selbst über Sachfragen entscheiden. Das Volk kann somit nur indirekt Kontrolle über den Staat und das Parlament ausüben, indem es bei der nächsten Wahl die Politiker nicht mehr wählt, mit denen es unzufrieden war.
Voraussetzung ist aber, dass man sich zum Zeitpunkt der Wahl an das Parteienfinanzierungsgesetz noch erinnern kann und man eine eigene Vorstellung davon hat, wie der Staat sein soll, dass man also ein Zoon politikon ist.

Was Menschen gut können

Man muss sich zuallererst den Sachverhalt bewusst machen, dass unser Gehirn in einer festen knöchernen Kapsel eingeschlossen ist. In unserem Schädel ist es immer finster und still. Das Gehirn kann kein Licht wahrnehmen und keine Töne, keine rauhe Oberfläche und auch nicht das Fell einer Katze oder die Haut eines Babys. Alle Informationen die es bekommt, sind elektrische Impulse über die beiden Sehnerven, die Nerven aus dem Innenohr, den Bahnen des Rückenmarks und den Hirnnerven. Und alle diese Impulse sind ihrem Wesen nach gleich, ein Fluss von Elektronen, eine elektrische Depolarisation von Nervenzellwänden. Und aus diesen Phänomenen entsteht in unserem Kopf die Welt. Wir nennen es sehen, hören, fühlen, denken. Tatsächlich ist es eine Art binäre Verrechnung immer gleicher, elektrischer Impulse an biologischen Strukturen und aus diesen Daten entsteht dann ein blauer Himmel. Der ist aber trotzdem schön, oder?
Oder Musik, gerade eben, beim Hören von Mikis Theodorakis Musik – dieser wunderbare Mensch, er ist gerade 90 Jahre alt geworden – ist mir ein Schauer über den Rücken gelaufen. Menschen können wirklich gut Musik machen. Auch Vögel musizieren, und Mäuseriche singen wenn sie auf Brautschau sind. Aber Menschen machen unerhört komplexe Musik ganz bewusst, weil es schön ist. Wir haben sogar eine Wissenschaft daraus gemacht und die physikalischen Grundlagen von Musik erkannt, obwohl wir nicht wissen warum Musik schön ist.
Wir haben es auch zu einer Meisterschaft im Umgang mit Materie gebracht. Wir kennen alle Elemente, ja wir können sogar neue Elemente erzeugen, indem wir Protonen und Neutronen in einen Atomkern schießen. Wir können Atome auch spalten und Energie damit erzeugen, oder was ziemlich dumm ist, Bomben daraus machen.
Wir können unterschiedliche Elemente in bestimmten Mengenverhältnissen zusammenfügen und ihnen eine bestimmte Gestalt geben. Zum Beispiel eine Mischung aus Kalium, Aluminium, Silizium, Eisen, Kupfer, Zink, Kohlenstoff, Silber, Cobalt, Brom, Cadmium, Blei, Mangan, Tantal, Wolfram, Arsen, Barium, Berylium, Calcium, Gallium, Gold, Magnesium, eine Prise Strontium, Schwefel, Yterium und Zirkonium dazu und können diese Mischung dann an unser Ohr halten und über viele tausend Kilometer hinweg direkt mit unserer Freundin in Brasilien sprechen. Vor 200 Jahren hätte man das für ein Wunder gehalten oder Zauberei. Heute ist es selbstverständlich.
Wir können so vieles, wir sind so wunderbar, nur eines haben wir in den letzten Jahrhunderten verabsäumt: nämlich nicht nur die Materie, sondern auch unseren Geist zu formen. Wir sind dieselben dummen, rachsüchtigen, egoistischen und skrupellosen Menschen geblieben die wir immer schon waren. Wir haben viele Krankheiten besiegt, aber bei den wichtigsten Pathologien des Geistes bei Gier, Neid und Missgunst haben wir kläglich versagt.
Statt diese wunderbare Welt zu teilen und uns gemeinsam an unseren Erkenntnissen, an unserem Wissen, an unserer Neugierde, unserer Musik und unserer Liebe und an den unterschiedlichen Kulturen zu erfreuen, säen wir Hass und Zwietracht.
Wenn es keine Musiker gäbe und keine Kinder, die hoffen lassen, wäre es zum Verzweifeln.

Das Imperium

Mich hat immer schon fasziniert, dass es eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem amerikanischen Staat und dem untergegangenen Staatswesen des römischen Reiches gibt. An und für sich hab ich nie ernsthaft darüber nachgedacht, diesem Gedanken nachzugehen. Aber im Laufe der Zeit hat sich das Bild fast von selber verdichtet und ist immer konkreter geworden. Und wenn man es genauer betrachtet, dann entdeckt man dermaßen viele Analogien, dass man sie gar nicht übersehen kann. Ich möchte den geneigten Leser also zu einem kleinen Ausflug in die Geschichte einladen.
Ähnlich wie die römische Sprache und römische Lebensart kulturprägend für die Antike in einem Maße war, dass wir heute noch in vielen Bereichen davon beeinflusst sind, ist die englische Sprache und die amerikanische Lebensart von einer Strahlkraft und Durchsetzungskraft weltweit, dass es einen immer wieder in Erstaunen versetzt.
Das Gebäude in Washington, in dem der amerikanische Senat tagt, wurde nach dem wichtigsten der römische Hügel, dem capitolinischen, benannt. Genau wie in Rom gibt es in diesem Kapitol auch ein Zweiparteiensystem, zumindest de facto. Was in Rom die Lager der Plebejer und der Patrizier waren, sind in Amerika die Partei der Republikaner und der Demokraten. Nicht ganz zu vergleichen – aus heutiger Sicht würden wir die Plebejer aber wohl eher als links, die Patrizier als politisch rechts stehend einstufen. Die republikanische Partei wurde 1854 gegründet, um die Sklaverei abzuschaffen, während damals die Demokraten an der Sklaverei festhalten wollten. Heute hat sich das Spektrum gewandelt und unter Obama hat die demokratische Partei zumindest einen linken Touch.

Auf dem römischen Capitol befand sich ein Tempel, der den Staatsgöttern geweiht war, der kapitolinischen Trias: Jupiter, Juno und Minerva.
Das amerikanische Capitol hingegen ist die Weihestätte der kapitalistischen Trias, auf die die ganze kapitalistische Welt voll Ehrfurcht blickt:  Geld,   Besitz   und    Macht.     (Ich weiß, das ist ein schlechter Kalauer)

Die Aquilae – die Adler, der Stolz einer jeden Legion, finden ihre Entsprechung im amerikanischen Wappentier, dem Seeadler, der nicht nur auf der Seite der Präsidentenmaschine, der Airforce one prangt.
Per definitionem ist der amerikanische Präsident der mächtigste Mann der Welt. Er kann über die am besten gerüstete und teuerste Armee der Welt verfügen. Unsichtbare Flugzeuge, Laserstrahlen, Raketen, unbemannte Drohnen die an jedem Punkt der Welt für Tod und Vernichtung sorgen können gehören zu diesem Arsenal. An automatischen Tötungssystemen, die von Algorithmen gesteuert selbständig entscheiden können, welche Menschen getötet werden müssen, wird derzeit gearbeitet. Die Fähigkeit, zumindest zwei große und einen kleineren Krieg gleichzeitig zu führen ist amerikanische Militärdoktrin.
Bei den römischen Kaisern hieß diese Amts- bzw. Verfügungsgewalt über die Streitkräfte: Imperium. Der Inhaber des Imperiums war der Imperator. Die römischen Kaiser – beginnend mit Augustus – sahen sich ebenfalls als die Herrscher der Welt und in der damaligen Welt waren sie es auch.
Die einzigartige Organisation, Kampfkraft und Waffentechnik der römischen Legionen war jahrhundertelang die Latte, an der sich alle messen mussten. Weder Mithridates  VI. aus Pontos, noch den Partherkönigen, weder den Germanen noch den Armeniern und den Juden noch den Ägyptern gelang es, sich der Allmacht der Römer zu entziehen. Sie alle zahlten ihre Steuern nach Rom und mussten bei Bedarf Truppen stellen. Die Juden, wegen ihrer permanenten Insubordination, mussten sogar eine Sondersteuer entrichten, den fiscus judaicus. Wer unliebsam war, wurde abserviert, umgebracht, vertrieben und an seiner Stelle ein Klientelkönig, der Rom verpflichtet war  eingesetzt. Herodes war so einer. Für die Amerikaner hat Pinochet diese Rolle in Chile gespielt oder Hamid Karzei in Afghanistan. Die japanische Regierungungspartei ab dem zweiten Weltkrieg hat jahrzehntelang von Amerikas Gnaden existierte und in vielen Bereichen amerikanische Interessen durchgesetzt.
In den Irakkrieg zog die Koalition der Willigen. Als Koalition der Willigen bezeichneten die Amerikaner eine Allianz von Staaten, die den Angriff der USA auf den Irak im dritten Golfkrieg politisch und militärisch unterstützten. Ein Angriff, der wie wir heute wissen, und wie wir uns damals hätten denken können, auf einem Lügengebäude aufgebaut war, um die irakischen Ölfelder zu okkupieren. Die genaue Anzahl der Mitgliedsstaaten dieser Allianz ist unklar, da einige der Teilnehmer nicht genannt werden wollten. Gemeinsam war ihnen allen, dass sie in irgendeiner Form von den Amerikanern abhängig bzw. ihnen verpflichtet waren.
An den Deutschen, unter Schröder, ist dieser Kelch des Irakkrieges noch vorbeigegangen. Dafür mussten sie in Afghanistan für die Amerikaner in den Krieg ziehen und Truppen stellen, genau wie die Belgier und Engländer. Insgesamt sind mehr als 3000 westliche Soldaten in diesem Krieg gefallen, für den in Deutschland verschämt die Bezeichnung „Operation Enduring Freedom“ gewählt wurde.
Die Feldzüge, die die Römer im Laufe ihrer Geschichte führten sind sonder Zahl, aber die Amerikaner könnten sie wohl noch überholen. Allein seit dem zweiten Weltkrieg waren sie in 46 militärische Konflikte verwickelt. *
Der amerikanische Senat ist demokratisch gewählt, der römische Senat bestand aus den Vertretern der Patrizierfamilien – alteingesessene Geschlechter, die seit jeher ihren Reichtum und ihre Vorrechte nutzten, um die Plebejer – das Volk – von der Macht fern zu halten.
Natürlich gab es auch Wahlen in Rom, aber eben nur unter den Adeligen. Bis auf eine Ausnahme – den Volkstribun, der von den Plebejern gewählt wurde. Der Volkstribun war sakrosankt, durfte also unter keinen Umständen tätlich angegriffen werden, das galt als todeswürdiges Verbrechen bzw. als Hochverrat. Er hatte ein Vetorecht und konnte den Senat blockieren, zumindest zu Zeiten der römischen Republik. Diese Sakrosanktität, die Tribunicia potestas, wurde von Augustus zu einem Teil der Rechte des Kaisers gemacht und damit war die Teilnahme an der Macht für die Plebejer dann für alle Zeiten erledigt.
Die Kandidatur für ein Amt in Rom ist genauso kostspielig gewesen wie heute in Amerika. Und genau wie damals, kommen heute im wesentlichen Kandidaten (vom römischen candidatus) in den Senat, die selber über genügend Vermögen verfügen oder die von den Reichen des Landes unterstützt werden. Auch in Amerika gibt es Patriziergeschlechter, die ihren Status aber nicht ihrer Herkunft, sondern ihrem Vermögen verdanken. In Rom hatten die Julier, die Calpurnier oder die Hortensier das Heft in der Hand. In Amerika sind das die Rockefellers, die Vanderbilts, die Fords, die Buschs oder die Kennedys usw. Genau wie in Rom bestimmen an die 500 superreiche Familien letztlich was im Staat geschieht und sie bestimmen mit ihrem Geld zu einem Gutteil wer die Tribunicia potestas oder eine andere Amtsvollmacht erhält. Auch in Rom gab es den Aufsteiger aus den Reihen der Plebejer, den homo novus, der ein politisches Amt errang, der zu Reichtum und Ansehen gelangte. Gerade darauf sind die Amerikaner ja auch so stolz, auf diese Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär. Diese Verheißung des Aufstieges als Freigelassener, ließ in Rom sogar Sklaven willig ihre Arbeit tun und diese Verheißung ist nichts anderes als der „amerikanische Traum“.
Tatsächlich ist Amerika nur zum Schein eine Demokratie. In Wahrheit nennt man diese Regierungsform Oligokratie. Damit steht das Land auf derselben Stufe wie Russland oder Kasachstan oder eben das frühe Rom, vor der Kaiserzeit.
Genau wie die Römer sind die Amerikaner ein Volk das in einem gewissen Sinne räuberisch existiert. Bei den Römern war es das geraubte Gold der Parther oder das Getreide aus Ägypten das den Wohlstand sicherte und das für Brot und Spiele sorgte, um die Plebejer ruhig zu stellen. (Apropos, Brot und Spiele – Hollywood fällt mir ein – blutiger kann Kino nicht sein wie amerikanisches Kino. Dagegen waren die Gladiatorenkämpfe in römischen Arenen eher eine Kindervorstellung. Wenn Rambo oder Top Gun ihre Blutspur durch die Reihen der meist politisch linksgerichteten Misanthropen ziehen, bleibt nichts ausgespart. Da hätten sich die abgebrühten römischen Gladiatoren wahrscheinlich vor Schreck im Keller der Arena verkrochen.)
Heute geht es um Öl aus dem Irak, um billige Arbeitskräfte in Lateinamerika, die für United Fruit als Sklaven arbeiten und um Bodenschätze aus Afrika. Widerstand wird mit brutaler Gewalt gebrochen. Ob es Salvador Allende oder Patrice Lumumba war, ihnen erging es wie Saddam Hussein und vielen anderen, die sich den amerikanischen Wirtschaftsinteressen widersetzten. Sie wurden ganz einfach von amerikanischen Geheimdiensten umgebracht und niemand auf der ganzen Welt wagte es, auch nur ein Wort des Einspruchs dagegen zu erheben. Die Amerikaner sind unsere Freunde.
Die Hegemonialmacht Amerika ist mit hunderten Militärbasen in vielen Ländern der Welt präsent. Die ehemaligen Gegner, Deutschland und Japan, haben der amerikanischen Politik Folge zu leisten und sind von großen amerikanischen Militärverbänden besetzt.
Die Römer machten aus jedem eroberten Land eine Provinz mit strategisch gut postierten Legionen. Für jeden der die Ämterlaufbahn von der Quästur bis zum Konsulat absolviert hatte, stand dann das Promagistrat als Verwalter einer Provinz am Ende der Laufbahn. Da ging es dann noch einmal richtig zur Sache, die Provinzen wurde oft regelrecht geplündert. Heute macht man diese Provinzen durch Verträge gefügig die dann TIPP, TiSA oder CETA oder so ähnlich heißen. Auch Kredite der Weltbank, die von den Amerikanern dominiert wird, sind ein geeignetes Mittel um Abhängigkeit zu schaffen und den amerikanischen Einfluss zu zementieren.
Die gefährlichen Gegner, die den Römern beim Plündern in die Quere kommen konnten, wie Mithritates VI. oder die Punier, wurden solange provoziert oder mit Krieg überzogen bis sie letztendlich vernichtet waren. Ceterum censeo Carthaginem esse delendam, sage Cato bei jeder Rede im Senat. Ronald Reagan sprach vom Reich des Bösen und George W. Busch von der Achse des Bösen und wir wissen, dass die Russen gerade wieder im Brennpunkt amerikanische Militärpolitik stehen. Statt Frieden zu schließen rückt die Nato Russlands Grenzen näher und näher. Ein Krieg in der Ukraine, amerikanische Militärbasen in fast allen ehemaligen russischen Teilrepubliken, Raketen in Polen – wenn ich Russe wäre, ich würde an Carthago denken und daran, dass die Römer den Boden der zerstörten Stadt mit Salz bestreuten, damit dort nie wieder etwas wachsen sollte.
Wird das immer so bleiben? Was lehrt die römische Geschichte?
Das Römische Reich ist an einer Art Überdehnung zu Grunde gegangen. Irgendwann war es nicht mehr möglich, die finanziellen Mittel aufzubringen, um die unendlich langen Reichsgrenzen zu verteidigen. Dazu kam, dass die unterworfenen Völker an römische Waffen kamen, römische Ausbildung, Taktik und Strategie übernahmen. Ständige Einbrüche, von vertriebenen Völkern, die vor den Hunnen, den Awaren und sonstiger, beutegieriger Horden ins Reich fluteten, und Angriffe der Germanen und Perser taten ein Übriges. Dazu kam, dass die letzten Jahrzehnte des Römerreiches durch innere Konflikte, Bürgerkriege und Kämpfe um die Macht dominiert waren. All das hat nach mehr als tausendjähriger Geschichte das Ende herbeigeführt.
Wird Amerika ein ähnliches Schicksal erleiden? Man kann es sich schwer vorstellen. Genau wie es noch in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts unvorstellbar erschien, dass die UDSSR innerhalb kürzester Zeit zusammenbrechen würde.
Der französische Historiker und Anthropologe Emmanuel Todd, der bereits 1976 den Untergang der Sowjetunion auf Grund soziologischer und wirtschaftlicher Daten vorhergesagt hat, hat sich in seinem Buch „Weltmacht USA, ein Nachruf“ mit diesem Thema beschäftigt. Er kommt auf Grund der selben demographischen und wirtschaftlichen Daten zum Schluss, dass Amerika zumindest seinen Höhepunkt bereits überschritten hat.
*Siehe dazu http://www.friwe.at/guernica/USKriegspolitik.htm
https://de.wikipedia.org/wiki/Weltmacht_USA:_Ein_Nachruf

Was geht und was gar nicht geht

Weiße Socken  zum Anzug, das geht nicht. Aber Ausländer raus, das geht. Socken zusammen mit Sandalen, das geht auch nicht. Aber kleine Mädchen mit Napalm verbrennen wollen, das geht. Rotwein zu Schnitzel – geht einfach nicht. Aber  2000 Menschen, die vor  Krieg  und Hunger fliehen, ohne Dach über dem Kopf vegetierenen lassen, das geht. Das Wort Neger sagen, geht nicht. Aber ein paar tausend Schwarzafrikaner im Mittelmeer ertrinken lassen, das geht. Am Sonntag nicht zur Messe gehen – oh Gott –  geht nicht, hingegen,  die eigene Gattin verprügeln, das geht. Mit der Freundin einen Urlaub in Griechenland machen, das geht, aber das Kloster für Flüchtlinge öffnen, geht nicht.  Ausspähen unter Freunden, das geht gar nicht, aber die Kindersterblichkeit in Griechenland um 46 % steigen lassen das geht allemal. Die Hypo Bank fallen lassen, das geht nicht, aber den Sozialbereich und die Arbeitslosenunterstützung kürzen, das geht.   Die Parteisubventionen erhöhen, das geht, aber Schlafplätze für Obdachlose – geht halt nicht….

Ein Schelling, der Böses dabei denkt..

Er ist schon vor ca. 2 Jahren von meinem Radar erfasst worden. Damals war er Präsident vom Sozialversicherungshauptverband. Aufgefallen ist er mir  durch zweierlei: Erstens durch seine Beteiligung an der sogenannten Gesundheitsreform – was ein ziemlich irreführender Begriff ist. Denn in Wahrheit ist das eine Sparaktion zu Lasten der Patienten, die zum Teil abenteuerliche Verhältnisse in den Krankenhäusern geschaffen  und die Zweiklassenmedizin in Österreich etabliert hat. Zweitens durch seine ständige Hetze gegen Ärzte, die seiner Meinung nach (er ist übrigens mehrfacher Millionär) zu viel verdienen. Das Resultat davon sehen wir gerade. Weil man in Österreich, als Arzt, gleich nach Berufseinstieg ebenfalls Millionär wird, geht inzwischen der Großteil der Medizin-Absolventen ins Ausland um diesem Schicksal zu entgehen – wer möchte schon so sein wie Schelling.

Jetzt ist er Finanzminister. Bei den Verhandlungen mit Griechenland ist er auf der deutschen Schleimspur mitgekrochen und hat Wortspenden von sich gegeben, die klar erkennen ließen, das ihm das Schicksal der griechischen Bevölkerung nicht näher geht als das Schicksal der  Saiga Antilopen in Sibirien. Dafür leidet er mit den europäischen Banken und deren Managern. Nebenbei bemerkt: Er war Vorstandsvorsitzender der Volksbanken AG, die Millionen verzockt hat und vom österreichischen Steuerzahler gerettet wurde.

Jetzt aber sind die Österreicher dran. Da gibt es auch noch neoliberalen Handlungsbedarf. Die Arbeitslosengelder sind zu hoch, läßt er sich heute vernehmen. Und Hartz IV ist eine gute Einrichtung, die die Zahl der Sozialschmarotzer, die ja  in Wirklichkeit arbeitsunwillig sind, in Deutschland drastisch reduziert hat.

Hartz IV ist eine, unter BM Schröder eingeführte Sozialgesetzgebung, um den Arbeitsmarkt zu  regulieren. Schnoddrig gesagt, bestand das darin, dass die Arbeitsämter in JobCenter umbenannt wurden und ab sofort das Arbeitslosengeld auf ein absolutes Minimum gekürzt wurde. Das zwingt jetzt hundertausende Deutsche jede Arbeit anzunehmen, auch wenn sie noch so schlecht bezahlt ist.   Man hat jetzt ein paar Millionen Menschen als Lumpenproletariat, die man mit Almosen vorm Verhungern bewahrt und die man jederzeit zwingen kann auch für ein paar Euro die letzte Drecksarbeit zu machen.

Schelling war heute, nach dieser Aussage, für ein Interview vor der ORF Kamera, nicht mehr zu sprechen.  Arbeitet er etwa schon an der Verwirklichung seiner Pläne ?

Das dekorative Beiwerk einer langen Partynacht

 

Vor ein paar Tagen hat mich ein Freund gefragt ob ich noch male und auch die Frage nach dem „warum eigentlich“ stand im Raum. Alllerdings im Sinne von: „Welchen Zweck erfüllt es für dich?“

Ich habe sinngemäß  geantwortet, dass es mich wahrscheinlich davon abhält, Schlimmeres anzustellen. Eigentlich wollte ich witzig sein und eigentlich hätte ich eine Gegenfrage erwartet oder befürchtet, nämlich: Ob es denn noch was Schlimmeres gibt.  Aber mein Gegenüber hat nur weise genickt und die Botschaft verstanden. Er ist auch eher links.

Im weiteren Dialog über Kunst im Allgemeinen sind wir uns  darüber klar geworden, dass Malerei  vieleicht ein Flucht vor der Bilderflut ist, die täglich auf uns einstürzt, der Versuch etwas Konkretes daraus zu extrahieren oder eine Flucht vor der Realität, die von immer mehr Wissen zu immer mehr Sterilität und Konformität führt. Und eben vielleicht auch eine Flucht vor dem Gedanken, etwas Schlimmeres anzustellen als zu malen.

Wenn man den Zustand der Kunst in unserer Gesellschaft betrachtet, dann ist Kunst nicht mehr ein Mittel des Krieges, wie Picasso sagte, oder zumindest der Aufklärung – ein Bild wie Guernica oder die Bilder von Goya über den Krieg wird es nicht mehr geben, denn die Kunst hat es sich in den Wohnzimmern der Reichen kommod gemacht. Darum stellen Künstler auch keine gesellschaftliche Kraft mehr dar. Weil sie nicht mehr an den Brennpunkten der Entwicklung als Dokumentaristen agieren, sondern im Strohkörbchen der Eliten den potentiellen Käufern ihrer Werke aus der Hand fressen. Vor hundert Jahren war es die akademische Beschränktheit, die die Kunst gefesselt hat, jetzt ist es das Big Business, dass Künstler zu dressierten Affen macht.

Heute – welche Koinzidenz – ein Artikel im Standard mit obigem Titel, den ich als Überschrift gewählt habe. Es geht um einen Essay von Hanno Rautenberg dem Zeit-Feuilletonisten. Die Kunst, so befindet Rautenberg, sei längst zurück in einem vormodernen Zeitalter in dem der „postautonome“ Auftragskünstler die Szene dominiert. Seine Auftraggeber: Konzerne, Galerien, Kuratoren, Großsammler und die sogenannte öffentliche Hand, deren elitäre Vergabebeiräte undemokratische Förderentscheidungen träfen. Ästhetisch hätten die neuen Abhängigkeiten schnurstracks in Banalitäten oder bequeme  Unverständlichkeit geführt; und selbst dort, wo das subversive, freche, aufrüttelnde Element der Kunst noch zutage tritt, werde es wie eine kostbare Resource von Konzernstrategen  nutzbar gemacht. Selbts die sixtinische Kapelle, wo sonst Päpste gewählt werden, hätte im Jahr 2014 ihre Pforten für ein Galadinner des Porschekonzerns geöffnet.

Ich hab mich gefragt, ob Michelangelo Bounarroti heute so einer wäre wie Jeff Coons und ob er wohl Porsche fahren würde.

Zu empfehlen: Die Kunst und das gute Leben,  von Hanno Rautenberg (Suhrkamp)