Dataismus

Ich habe im Laufe des Tages eine Menge Fotos gemacht. Die erhabene Landschaft Islands zwingt einen beinahe dazu. Am Abend sitzen wir in einem Restaurant in Grundarfördur und ich zeige ein paar der gespeicherten Aufnahmen. Mein Ältester gibt mir Achselzuckend zu verstehen, dass er darauf verzichtet, Bilder zu machen, da sowieso alles was an Bildern möglich ist, schon im Internet zu finden sei. „Aber nicht meines mit den drei Pferden am Fjord, mit dem Berg im Hintergrund“, behaupte ich. Der Jüngere holt sein Smartphone heraus und goggelt: Grundarfjördur, Berg, Pferde. Innerhalb einiger Sekunden zeigt er mir fast dasselbe Bild, die gleiche Perspektive, es sind vermutlich die gleichen Pferde, allerdings nur zwei.
Was hätte wohl Marcel Duchamp aus einem Smartphone gemacht? Der Mann, der den Dadaismus erfand und den Surrealismus auf den Weg brachte, hätte wohl eine originelle Verwendung für dieses Gerät gefunden. Vielleicht hätte er es aber auch in dem Pissoir aus Porzellan das er 1917 zum Ready made-Kunstwerk erklärte entsorgt. Denn der Dataismus, dem wir derzeit alle ausgesetzt sind, steht der Erkenntnis und der künstlerischen Erfassung der Welt, diametral entgegen. Wahrgenommen wird primär das, was sich in die glatten Ströme von Informationen und Daten einfügt. Und diese Daten haben a priori etwas Obszönes, sie stellen alles pornographisch zur Schau. Sie lassen keine Zweideutigkeit aufkommen, haben weder Rückseite noch Intermediäres und sind frei von Doppelbödigkeit, wie die Sprache, die vieldeutig, vielschichtig sein kann und unser Gehirn zur Analyse zwingt. Daten und Informationen sind totale Sichtbarkeit, Eindeutigkeit (aber aus Sicht unseres biologischen Gerhirnes auch Entfremdung), und sie werden als solche auch verwendet – es gibt nichts mehr zu hinterfragen, nichts bleibt verborgen oder gehört uns alleine: „Glaub mir einfach, denke nicht!“. Denken und Handlungen, die freie Entscheidungsfähigkeit voraussetzen, sind passe. Unsere Gesellschaft befindet sich in einem datengetriebenen Prozess, der die Autonomie des einzelnen zusehends außer Kraft setzt. Information ist eine obszöne, kollektive Form des Wissens, weil sie nicht selbst erworben wird, sie wird uns aufoktroyiert, wir sind ihr ausgesetzt und es fehlt der von unseren Gefühlen hergestellte innere Zusammenhang. Information hat keine zeitliche Verortung mehr wie unser erworbenes Wissen, das Zeiträume überspannt. Information und Daten bewegen sich in einem stromlinienförmigen Zeitkontinuum, dass keine Grenzen und vor allem keine Widerstände kennt. Darum funktioniert dort die Kommunikation am besten, wo sie in Kreisläufen organisiert ist, wo Gleiches auf Gleiches trifft – in Internetforen, deren glatte Einbahn zur Beschleunigung und Verstärkung der eigenen eindimensionalen Informiertheit führt. Das Ich des Einzelnen wird immer ärmer an Strukturen, die zur Identidätsfindung beitragen könnten. Es gibt nicht mehr viel in der digitalen Informationsgesellschaft das Sicherheit und Beständigkeit vermittelt oder Individualität fördert. Rückgriffe auf Traditionen und Begriffe wie Heimat, Brauchtum, Volkskultur, die zum Teil, aus leicht durchschaubaren, politischen Gründen an den Haaren herbeigezogen und in den Informationsstrudel eingespeist werden, sind lediglich irritierende und lächerliche Randthemen, die je nach Wetterlage, von anderen, gewollt in den Informationsfluss (oder sollte man besser Kreislauf sagen?) eingeschleusten Begrifflichkeiten ersetzt werden können. Aber dieser ständige Strom, von zum Teil manipulativer Information, der das Ich nie zur Ruhe kommen lässt, führt zu einem inneren Leerlauf und zu einer Art von Teilnahmslosigkeit, die notgedrungen nach Konkretem sucht, um zu so etwas wie Selbsterkenntnis zu gelangen. Wir verlieren die Mitte, wie die Japaner sagen, wir werden erlebnisunfähig. Getrieben vom Strom der Daten hat das eigene Erleben kaum mehr Gültigkeit oder überhaupt die Zeit, als gerade jetzt Erlebtes, wahrgenommen zu werden. Es sei denn als Reproduktion, als Abbild dessen was wir erlebt haben, oder als Selfie dort oder dort. Hebammen beklagen, dass Geburten nicht mehr tabu sind, dass Väter und sogar Mütter selbst, den Moment, in dem der Kopf des Kindes sichtbar wird, mit dem Smartphone festhalten. Man stelle sich vor: Pressen, Pressen! Jetzt! Atmen,  atmen, Foto! Blitz zwischen die Beine. Nicht der Augenblick und das Erleben der Geburt ist von Bedeutung, Bedeutung erlangt es einzig und alleine wenn es dokumentiert ist. „Gibt es ein Foto von deiner Geburt? Nein? Existierst Du dann überhaupt?“ Nicht allein Narzissmus oder Eitelkeit steht dahinter, vielmehr diese Angst vor der Unbeständigkeit des Seins, diese Unsicherheit des eigenen Ich‘s nur noch im Hintergrundrauschen des großen Datenstroms zu existieren.

Ich, für meine Person, bin schon froh, dass ich darüber noch nachdenken kann, vieleicht wird  Denken ja irgendwann verboten.