Loblied auf Wien und die Roten

Zu behaupten, dass Wien nur vom K. u. K.  Tourismus lebt und ansonsten von den Bundesländern erhalten wird, zeugt von einer eklatanten Unkenntnis  der österreichischen Volkswirtschaft. Zu behaupten, dass Wien mehr oder weniger von des Kaisers Weitsicht und Weisheit geschaffen wurde, entspricht ebenfalls nicht den historischen Tatsachen. Dass man das dann auch noch lauthals hinausposaunt, ist ziemlich mutig und verdient eine Antwort.  Ich zitiere hier noch einmal wörtlich das Facebook Posting, das mich zu dieser Entgegnung veranlasst hat: P GN:  „So ein Blödsinn! Die Monarchie hat Wien zu dem gemacht, was es heute ist. Der Bezug zu einer politischen Partei ist an den Haaren herbei  gezogen. Die Sozialdemokratie ist verantwortlich für die hässlichen Wohn(Platten)bauten und den hohen Schuldenstand der Stadt. Wien lässt sich von den Bundesländern finanzieren und lebt vor allem vom k&k-Tourismus………“ .

Das kann und darf nicht unwidersprochen bleiben.

 Wenn schon mit der Monarchie argumentiert wird, dann beginnen wir also mit der Monarchie unsere kleine historische Abhandlung:

Tatsache ist, in der Kaiserzeit war Wien nicht die lebenswerteste Stadt der Welt, um das gleich einmal vorweg zu nehmen. Zumindest nicht für die arbeitende Bevölkerung, die in den Vorstädten ärmlich und ständig von Krankheit und Hunger bedroht eher dahinvegetierte, während der Adel in unglaublichem Luxus lebte. Um nur ein anschauliches Faktum herauszugreifen: 66.000 Menschen waren im Jahr 1909 in Wien als „Bettgeher“ gemeldet. Das heißt, sie hatten keine Wohnung und durften nur für einige Stunden ein Bett benützen, das sie abwechselnd mit anderen teilten. Ein Arbeiter verdiente rund 20-24 Kronen, Frauen weniger als die Hälfte. Eine bessere Vorstadtwohnung (Zimmer, Küche, Kabinett) kostete rund 28 Kronen im Monat. Das heißt, kein Arbeiter konnte sich eine solche Wohnung leisten. Und die Ringstraßenpalais haben nicht Kaiser und Adel mit eigener Hand erbaut, sondern die Menschen von Wien – die Baumeister, die Maurer und die tschechischen Ziegelarbeiter. Und die vielen Sehenswürdigkeiten Wiens sind nicht vom Kaiser und vom Erzbischof bezahlt, sondern mit  dem Geld errichtet worden, das Kirche,  Adel und Kaiserhaus zuvor der Bevölkerung abgepresst haben.

 Aber zurück zu den Parteien und zu der Behauptung, dass deren Bedeutung für Wien an den Haaren herbeigezogen sei: Tatsächlich ist schon am Beginn des 20.Jhd. in Wien die politische Rolle des Bürgermeisters groß. Vor allem seit dem Auftreten Karl Luegers, heute umstrittener Bürgermeister von 1897 bis zu seinem Tod 1910. Seit der Erweiterung des Wahlrechtes am Ende des 19. Jhd. dominieren die „Christlichsozialen“ unter ihrem Anführer und Aushängeschild, dem volkstümlichen Karl Lueger, die Stadt. Eine kleinbürgerliche, klerikale und antisemitische Partei und demgemäß war die Politik. Allerdings muss man Lueger zugutehalten, dass er neben seinem antisemitisch motivierten Kampf gegen das Großkapital die Kommunalisierung der wichtigsten Versorgungsleistungen der Stadt Wien vorantrieb und versuchte, sie von den Monopolen in- und ausländischer Gesellschaften unabhängig zu machen. Schon 1896 hatte der Gemeinderat den Vertrag mit der englischen Gaswerk-Gesellschaft aufgelöst und es wurde mit dem Bau eines eigenen Gaswerks in Simmering begonnen. Bereits 1899 konnten die inneren Bezirke von städtischen Unternehmungen versorgt werden, 1911 war die Umstellung mit der Inbetriebnahme des Werks Leopoldau komplett abgeschlossen. Die Kommunalisierung der Elektrizitätswerke begann mit der Errichtung je eines Werks für die öffentliche Beleuchtung sowie für die Versorgung der privaten Haushalte und für die Straßenbahn ab 1900 und konnte mit der Übernahme der privaten Gesellschaften von 1907 bis 1914 vollendet werden. In engem Zusammenhang mit der Elektrifizierung der Stadt stand die Übernahme der Straßenbahn, die 1900 bis 1902 von der Stadt erworben und schrittweise auf elektrischen Betrieb umgestellt wurde. 1907 kommunalisierte die Stadt die Dampftramway-Gesellschaft und 1908 den Stellwagenbetrieb mit einem Liniennetz von rund 39 Kilometern. Erste Pläne gab es auch zur Errichtung einer U-Bahn.
Aber erst nach dem Zerfall der Donaumonarchie und mit dem Auftreten der Sozialdemokratie auf der Bühne, bekannt als das Rote Wien, hat sich die Stadt in vielerlei Hinsicht so nachhaltig verändert, dass sie heute als die lebenswerteste Metropole der ganzen Welt gilt. In der Zeit von 1919 bis 1934 hat die „Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschösterreichs“ bei den Wahlen zu Landtag und Gemeinderat wiederholt die absolute Mehrheit erreicht. Die sozialdemokratische Kommunalpolitik dieser Jahre war geprägt von umfassenden sozialen Wohnbauprojekten und von einer Finanzpolitik, die neben dem Wohnbau auch umfangreiche Reformen in der Sozial-, Gesundheits- und Bildungspolitik unterstützt hat. Die ganze Welt blickte schon damals auf Wien und diese fortschrittliche Politik. Die Sozialdemokratie bildete durch ihre Stellung in Wien einen Machtfaktor und einen Gegenpol zur Politik der „Christlichsozialen Partei“, die damals in den anderen Bundesländern und auf Bundesebene regierte. Die CS machte eindeutig eine Politik zu Lasten der Lohnabhängigen und strebte nach alleiniger Machtausübung. Das „Rote Wien“ endete 1934, als der demokratisch gewählte Bürgermeister Karl Seitz von Engelbert Dollfuß seines Amtes enthoben und verhaftet wurde und die aus der CS hervorgegangene Vaterländische Front (VF) auch in Wien die Macht übernahm.
Gemeinsam mit der Kirche hat Engelbert Dollfuß versucht, die Bürger wieder in jenes Korsett zu zwingen und zu jenen folgsamen Untertanen zu machen, die seinen Vorstellungen und denen seiner Verbündeten dienen sollten. Er ließ die Arbeiter zusammenschießen als sie sich wehrten. Weil er seine kleine klerikal-faschistische Diktatur nicht mit Hitler teilen wollte, und er mit Mussolini eng zusammenarbeitete, haben ihn die Nazis aus dem Weg geräumt. Die ÖVP, als Nachfolgepartei der Vaterländischen Front, hat diesen Diktator, den der Wiener Volksmund auf Grund seiner geringen Körpergröße Millimetternich nannte, bis zum heutigen Tag als Märtyrer in Ehren gehalten. Sein Bild hing bis vor zwei Jahren im ÖVP Parlamentsclub. Das will ich nur nebenbei erwähnt haben, aber man sollte es sich immer vor Augen halten, wenn man über die „Volkspartei“ redet, die ja jetzt auch wieder eine richtige Führerpartei geworden ist, in der nur einer das Sagen hat. Und dass demjenigen autoritäre Bestrebungen nicht fremd sind, hat er gerade in den letzten Monaten bewiesen.

Da die Sozialdemokraten seit 1945 wieder ununterbrochen den Bürgermeister in Wien stellen, kann man den Umstand, dass Wien 10 mal hintereinander vom Beratungsunternehmen Mercer und der renommierte Wirtschaftszeitschrift „The Economist” auf Platz 1 der Metropolen mit der höchsten Lebensqualität gewählt wurde, wohl nicht dem Zufall und auch nicht der ÖVP anrechnen und schon gar nicht dem Kaiserhaus. Nicht zuletzt, der von den Sozialdemokraten geförderte soziale Ausgleich hat dazu geführt, dass Wien auch eine der sichersten Städte der Welt ist.
Und jetzt zum Wirtschaftlichen bzw. zu dem Märchen, dass die Bundesländer Wien erhalten: Wien ist das Bundesland mit der höchsten absoluten Wertschöpfung und der zweithöchsten pro Kopf Wertschöpfung nach Salzburg. Im Jahr 2019 betrug das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Wien geschätzt 52.500 Euro. Damit erreichte es einen neuen Höchststand, nachdem es schon in den Vorjahren kontinuierlich gewachsen war.
In Wien lebt circa ein Fünftel der österreichischen Bevölkerung, aber es wird mehr als ein Viertel des österreichischen Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet.
Und was die Forschung, als eine der wichtigsten Zukunftsinvestitionen betrifft, liegt Wien ebenfalls an der Spitze:
Die Universität Wien ist nicht nur die älteste Hochschule im deutschsprachigen Raum (gegründet 1365). Die österreichische Hauptstadt ist zudem die größte deutschsprachige StudentInnenstadt. Dass sich zahlreiche SpitzenforscherInnen, insbesondere in den Bereichen IT, Mathematik, Physik, den Life Sciences und den Geistes- und Sozialwissenschaften in Wien angesiedelt haben, ist kein Zufall, sondern beruht auf der Lebensqualität der Stadt. Unter den EU-Hauptstädten verfügt Wien über eine der höchsten Forschungsquoten, vor Berlin, Prag, Paris, Brüssel oder London.

Zum Abschluss kann ich nur sagen: Lernen Sie Geschichte junger Mann…..und lesen Sie nicht nur die Werbebroschüren der ÖVP……

https://de.wikipedia.org/wiki/Rotes_Wien

https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Engelbert_Dollfu%C3%9F

https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_%C3%B6sterreichischen_Bundesl%C3%A4nder_nach_BruttoAninlandsprodukt

Anmerkung: Dieser Blogeintrag ist als Antwort auf einen Post auf meiner Facebookseite gedacht. Ich hatte dort die Liste der lebenswertesten Städte der Welt mit Wien an der Spitze eingestellt. Ein Posting – jenes oben zitierte – hat mich veranlasst ein paar Dinge zu erläutern.