Das dekorative Beiwerk einer langen Partynacht

 

Vor ein paar Tagen hat mich ein Freund gefragt ob ich noch male und auch die Frage nach dem „warum eigentlich“ stand im Raum. Alllerdings im Sinne von: „Welchen Zweck erfüllt es für dich?“

Ich habe sinngemäß  geantwortet, dass es mich wahrscheinlich davon abhält, Schlimmeres anzustellen. Eigentlich wollte ich witzig sein und eigentlich hätte ich eine Gegenfrage erwartet oder befürchtet, nämlich: Ob es denn noch was Schlimmeres gibt.  Aber mein Gegenüber hat nur weise genickt und die Botschaft verstanden. Er ist auch eher links.

Im weiteren Dialog über Kunst im Allgemeinen sind wir uns  darüber klar geworden, dass Malerei  vieleicht ein Flucht vor der Bilderflut ist, die täglich auf uns einstürzt, der Versuch etwas Konkretes daraus zu extrahieren oder eine Flucht vor der Realität, die von immer mehr Wissen zu immer mehr Sterilität und Konformität führt. Und eben vielleicht auch eine Flucht vor dem Gedanken, etwas Schlimmeres anzustellen als zu malen.

Wenn man den Zustand der Kunst in unserer Gesellschaft betrachtet, dann ist Kunst nicht mehr ein Mittel des Krieges, wie Picasso sagte, oder zumindest der Aufklärung – ein Bild wie Guernica oder die Bilder von Goya über den Krieg wird es nicht mehr geben, denn die Kunst hat es sich in den Wohnzimmern der Reichen kommod gemacht. Darum stellen Künstler auch keine gesellschaftliche Kraft mehr dar. Weil sie nicht mehr an den Brennpunkten der Entwicklung als Dokumentaristen agieren, sondern im Strohkörbchen der Eliten den potentiellen Käufern ihrer Werke aus der Hand fressen. Vor hundert Jahren war es die akademische Beschränktheit, die die Kunst gefesselt hat, jetzt ist es das Big Business, dass Künstler zu dressierten Affen macht.

Heute – welche Koinzidenz – ein Artikel im Standard mit obigem Titel, den ich als Überschrift gewählt habe. Es geht um einen Essay von Hanno Rautenberg dem Zeit-Feuilletonisten. Die Kunst, so befindet Rautenberg, sei längst zurück in einem vormodernen Zeitalter in dem der „postautonome“ Auftragskünstler die Szene dominiert. Seine Auftraggeber: Konzerne, Galerien, Kuratoren, Großsammler und die sogenannte öffentliche Hand, deren elitäre Vergabebeiräte undemokratische Förderentscheidungen träfen. Ästhetisch hätten die neuen Abhängigkeiten schnurstracks in Banalitäten oder bequeme  Unverständlichkeit geführt; und selbst dort, wo das subversive, freche, aufrüttelnde Element der Kunst noch zutage tritt, werde es wie eine kostbare Resource von Konzernstrategen  nutzbar gemacht. Selbts die sixtinische Kapelle, wo sonst Päpste gewählt werden, hätte im Jahr 2014 ihre Pforten für ein Galadinner des Porschekonzerns geöffnet.

Ich hab mich gefragt, ob Michelangelo Bounarroti heute so einer wäre wie Jeff Coons und ob er wohl Porsche fahren würde.

Zu empfehlen: Die Kunst und das gute Leben,  von Hanno Rautenberg (Suhrkamp)

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